Das eine Gesicht menschlicher Entkräftung gibt es nicht. Wenn die Erschöpfung kommt, reagiert jeder anders. Wer gerädert wirkt, wer apathisch, wessen Kräfte sich in gespenstischer Manie aufbäumen, wer sich in Contenance übt und wer aggressiv um sich schlägt, zeigt sich erst in dem Augenblick, in dem die Erfahrung voll einschlägt. Am vergangenen Sonntagabend, direkt nach der Verkündung des Wahlergebnisses, war dieser Augenblick gekommen. Wer an jenem Abend in die Gesichter der Politiker blickte, sah Sieger wie Verlierer vereint in einem Gefühl plötzlicher, tiefer Erschöpfung. Eine fundamentale Kraftlosigkeit war über die Repräsentanten der Republik gekommen, abzulesen an ihrer Körpersprache, darin, wie sie einer nach dem anderen vor ihre Anhänger traten, vor die Journalisten und in die Studios der Talkshows. Ermattet waren sie jeder auf seine Weise, aber doch eigentümlich vereint, wie zu einem kollektiven Körper zusammengewachsen. Ein überforderter Organismus, der automatisch weitermacht, obwohl die Glieder nicht mehr gehorchen. Nie waren Angela Merkels Mundwinkel so tief heruntergezogen, wie als sie fahl vor den Kameras stand. "Ich bin nicht enttäuscht", beteuerte sie, "ich bin jetzt zwölf Jahre an der Spitze." Formeln der Selbstbeschwörung, die nichts von einer historischen Niederlage wissen wollten. Wie aufgedunsen, mit müden Augen über Tränensäcken rang Martin Schulz sich in der Elefantenrunde ein letztes gequältes Lächeln ab, um daraufhin auf Merkel loszugehen wie zuletzt nur Gerhard Schröder bei seinem legendären Pöbel-Auftritt in der Berliner Runde von 2005. Weniger wirklichkeitsentrückter Pascha als müder kleiner Junge, war Schulz enttäuscht, neidisch und wütend, einer, der um sich schlug, bis der vor Kraft strotzende Christian Lindner (Manie) und die ruhige Therapeutinnenstimme von Katrin Göring-Eckardt (Contenance) ihn bändigten.

Der aussagekräftigste Moment jedoch kam bei Anne Will. Wie in einem absurden Kammerspiel saßen hier aufgereiht nebeneinander: Wolfgang Kubicki (seitlich in den Sessel gestützt, Typ abwartendes Selbstbewusstsein), Cem Özdemir (hüftbreit aufgestellte Beine, Arme und Hände auf den Lehnen abgelegt wie ein Passagier kurz vor dem Start eines Flugzeuges, dessen Kraft ihn tief in den Sitz drücken wird), Ursula von der Leyen (mager, gefasst, gealtert) sowie Manuela Schwesig (rotes Kleid, rotes Halstuch, roter Lippenstift auf verkniffenem Mund) und Alexander Gauland (stoisch schweigend, als spräche seine Jagdhundkrawatte für ihn, der ab heute Menschen "jagen" würde). Daneben der J ournalist Hans-Ulrich Jörges und in der Mitte: Anne Will, Moderatorin, eine Frau, die dazu da ist, gegeneinanderstrebende Kräfte auszutarieren. Allein, wo keine sind, ist auch sie machtlos. Was redet man in einem solchen Moment?

Abwärts heißt ein Thriller von 1984 mit Götz George und Hannes Jaenicke. In einem Frankfurter Bankenhochhaus bleibt eines Freitagabends ein Fahrstuhl stecken, irgendwo zwischen dem 27. Stock und dem Abgrund. Der gesamte Film spielt in der Kabine: drei Männer und eine Frau, auf sich selbst zurückgeworfen, weit und breit niemand, der ihre Not bemerkt. Es entwickeln sich Spannungen, Geschrei, Schlägereien, das Wissen, miteinander arbeiten zu müssen, wird von dramatischen Alleingängen gestört, es geht um Geld, und natürlich gibt es am Ende einen Toten.

Einer solch zufällig zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft ähnlich sitzen am Sonntag die vier Politikergäste der angestammten Parteien vor den Kameras zusammen. Zwei Männer und zwei Frauen, die einen Moment teilen, in dem die Zeit ähnlich stehen geblieben scheint wie im stecken gebliebenen Lift. Die Rollen, die sie eben, als das Ding noch fuhr, innehatten, spielen sie weiter, doch irgendwie stimmt der Text nicht mehr. Wie bei einem kurzen Filmriss, den alle überspielen, wiederholen sich unkonzentriert Dialoge. "Es war ein schlechtes Ergebnis", repetiert von der Leyen mehrmals automatisch auf Anne Wills Hinweis auf das Jahr 1949. "Ich sage jetzt mal etwas Ungewöhnliches für einen Politiker", interveniert Özdemir, es soll eine Überraschung sein, nur hat er sie fünf Minuten vorher schon einmal gebracht. "Da fand ein Erdrutsch statt!", ruft irgendwer einmal, doch keiner geht darauf ein. Dass etwas falsch ist und die bürgerliche Etikette wie in einem Stück von Yasmina Reza längst bröckelt, wird klar, als die gegenseitigen höflichen Vergewisserungen, Verantwortung zu tragen, getragen zu haben und zukünftig tragen zu wollen, kippen. Plötzlich scheint niemand sie mehr zu wollen, die Verantwortung. Wie ein goldener Kessel steht das Mandat der Bürger in der Mitte, nun scheint sein Inhalt vergiftet von Männern wie dem mit der Jagdhundkrawatte. "Kann sein, muss aber nicht sein", drückt sich Kubicki, es beginnt die Phase der Machtflucht, der gegenseitigen Beschuldigung, wer nun der größere Feigling sei. "Wovor haben Sie Angst?", zischt Schwesig. "Denken Sie denn, dass Sie’s nicht können, Herr Kubicki?" Ihr Blick ist eiskalt. "Ja, äh, also", Kubicki wirft die Hände in die Luft. – "Ich frag mich, wo Ihr Problem ist", Schwesig beugt sich zu ihm vor, die Physiognomie einer strengen Lehrerin, die dem unreifen Schüler ins Gewissen redet. Opposition sei nicht "bäh", lässt sie ihre Sprache auf Kinderniveau herab, sie selbst sei keineswegs in der "Schmollecke". Ein Ball, der Regieren heißt, hin und her geworfen zwischen Gewählten wie eine heiße Kartoffel.

"Wenn keiner mehr im Haus ist, sitzen wir schön in der Scheiße", sagt Götz George als eingesperrter Werber Jörg im Fahrstuhl. Am Sonntagabend der Wahl war keiner mehr im Haus. Obwohl alle da waren, wirkte es verlassen. Die Frau, die seit zwölf Jahren jeden hysterischen Notruf beantwortet hatte, steckte, wenn auch ruhiger als die anderen, selbst mitten in der Notlage.

Martin Schulz’ Problem im Wahlkampf, die Tatsache, dass man ihm immer angesehen hatte, wie er sich fühlte, war zum Problem aller geworden. Die Wähler hatten ihn dafür abgestraft, sich im Wahlkampf so zu zeigen, wie er wirklich ist – ein Mensch wie sie, der Schnappatmung bekommt, wenn er etwas ungerecht findet, ein Mensch, der Krisen wie seine Alkoholsucht eingestand, ein Mensch, der auf Beruhigungsrituale wie das Tagebuchschreiben angewiesen war. Der Widerspruch, dass Politiker bitte schön "authentisch" zu sein hätten, aber keiner zusehen will, wenn sie es wirklich sind, war schon mit Schulz enttarnt worden. Doch der Wahlabend war die Krönung. Nun stand nicht mehr nur er nicht, sondern niemand mehr über den Dingen. Im Moment der Erschöpfung passierte, was nie zuvor passiert war: eine tatsächliche emotionale Repräsentation derer, die gewählt hatten, von jenen, die gewählt worden waren. Der Fernseher, in dem die angeschlagenen deutschen Bürger auf die angeschlagenen deutschen Politiker blickten, war kein Fernseher mehr. Er war ein Spiegel.