Breach, breach, breach lautete die kurze Warnung. Dann sprengte das Swat-Team der Polizei am Sonntag um 23.20 Uhr die Tür mit der Nummer 32135 im 32. Stock des Mandalay Bay Hotel in Las Vegas auf und beendete die tödlichste Massenschießerei der jüngeren amerikanischen Geschichte. 59 Menschen waren in den Minuten zuvor von hier oben erschossen worden, über 500 wurden verletzt. Sie hatten mit 20.000 anderen Musikfans ein dreitägiges Country-Musik-Festival unweit des Hotels besucht.

Im Hotelzimmer, einer 170 Quadratmeter großen Suite, fand die Polizei 23 Waffen. An zwei Fenstern standen Gewehre mit Fernrohren, auf Stative montiert. Aus den Waffen waren Hunderte Schuss Munition in hoher Geschwindigkeit abgefeuert worden, je über 90 Schuss in weniger als zehn Sekunden. Die Fenster waren zuvor mit einem Hammer zertrümmert worden. Die enorme Schmauchentwicklung der Schüsse hatte den Feuermelder ausgelöst und der Polizei geholfen, das Zimmer des Täters zu lokalisieren. Der Attentäter, Stephen Paddock, ein 64-jähriger Rentner aus Nevada, lag bei der Erstürmung bereits tot am Boden. Er hatte sich selbst erschossen.

Kurz danach bekannte sich die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) zu dem Anschlag. Am Montagnachmittag deutscher Zeit veröffentlichte Amak, eine der Terrorgruppe nahestehende Propagandastelle, ein Bekennerschreiben. Der Schütze von Las Vegas sei einer ihrer "Soldaten". Das Kommuniqué entspricht dem Muster früherer Bekenntnisschreiben und wirkt insofern authentisch. Aber ob es auch wahr ist?

Das FBI sieht bisher keine Anhaltspunkte für eine Verbindung zu der Terrorgruppe. Es ist durchaus schon vorgekommen, dass der IS fälschlicherweise Anschläge für sich reklamiert hat, vor einigen Monaten etwa eine Tat auf den Philippinen.

Wer war Stephen Paddock? Welche anderen Motive kommen für seine Tat in Betracht? Auch zwei Tage nach dem Attentat ist von ihm nur ein widersprüchliches Bild zu erkennen.

Er wird als Einzelgänger beschrieben, den die Nachbarn nur flüchtig kannten, ein Mann, der die Vorhänge in den Wohnanlagen, in denen er lebte, stets verschlossen hielt und der oft wochenlang nicht zu sehen war. Über 27 Adressen sind von ihm unter anderem in Florida, Texas und Nevada bekannt. Als jüngerer Mann war er zweimal verheiratet, beide Ehen wurden jedoch nach kurzer Zeit geschieden. Mit seinem Bruder in Kalifornien hat er seit über zehn Jahren nicht mehr gesprochen, mit seinem Bruder in Florida hatte er nur sporadischen Kontakt. Paddock scheint seinen Lebensunterhalt zuletzt als professioneller Video-Poker-Spieler verdient zu haben.

Hat Stephen Paddock eine psychische Krankheit von seinem Vater geerbt?

Aus den ersten Ermittlungsergebnissen entsteht das Bild eines unbescholtenen Bürgers: ehemaliger Buchhalter, der sich noch nie etwas zuschulden hat kommen lassen. Nicht einmal eine Strafe für zu schnelles Fahren findet sich in seinen Akten. Er lebte mit seiner langjährigen Freundin in einer gepflegten Seniorenwohnsiedlung in dem kleinen Wüstenstädtchen Mesquite, 120 Kilometer von Las Vegas entfernt. Ein Ort für wohlhabende Rentner, mit Clubhaus, Golf- und Tennisplatz. Die Freundin, eine ehemalige Casino-Mitarbeiterin, war zum Zeitpunkt des Attentates nicht in den USA , am Montag hielt sie sich in Tokio auf. Die Polizei geht nicht davon aus, dass sie etwas mit dem Attentat zu tun hat.

Stephen sei ein ganz normaler Mensch gewesen, sagte Paddocks jüngerer Bruder Eric, 55, vor seinem Haus in Orlando, Florida, den amerikanischen Medien. Stephen habe kein besonderes Interesse für Politik oder Religion gehabt. Er habe keinem Verein und keiner Kirche angehört. Öffentliche Dokumente zeigen, dass er nicht einmal als Wähler in Florida registriert war, wo er längere Zeit gelebt hatte. Das letzte Mal habe seine 90-jährige Mutter vor zwei Wochen Kontakt mit ihm gehabt. Nach dem Hurrikan habe Paddock mit ihr telefoniert, um zu sehen wie es ihr gehe. Danach habe er ihr eine Gehhilfe geschickt, weil sie erwähnt hatte, dass sie Schwierigkeiten mit dem Gehen habe.