Eine Hypnosebehandlung im Berlin der späten zwanziger Jahre: "Versuchen Sie nicht, Ihre Gedanken zu ordnen", befiehlt die Samtstimme. "Lassen Sie einfach los." Eine Hand legt sich auf die Augen des Protagonisten. "Wenn ich nun 'Jetzt' sage, dann werden Sie die Augen öffnen. Jetzt!"

Die Gedanken ungeordnet lassen, mit ganz frischem Blick auf diese Serie schauen. So kann man Babylon Berlin tatsächlich unvoreingenommen begegnen, trotz der großen Erwartungen, die auf dieser Produktion lasten. Und sagen wir es gleich vorweg: Ja, sie ist schick geworden, die teuerste deutsche Serie aller Zeiten, die erste, für die sich der mächtige Bezahlsender Sky und die noch mächtigere ARD zusammengetan haben, für die sogar Bryan Ferry Musik eingespielt hat. Babylon Berlin ist streckenweise sogar atemberaubend geworden. Kommende Woche startet die Serie bei Sky, 16 Folgen sind bisher gedreht. Die ARD zeigt sie erst im kommenden Jahr, in den USA wird sie bei Netflix zu sehen sein.

War die Hypnose ein erster Anruf ans Unterbewusste, führen die Babylon Berlin-Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten später die kulturindustrielle Produktion freudianischer Traumbilder vor. In Berlin stürmen zwei Dutzend Tschako-Männer ein Foto-Studio. Der erste Blick auf das Sittengemälde der Weimarer Republik: ein aufwendiger Pornodreh in Vollkostümierung. Marias befleckte Empfängnis: die Mutter Gottes, Zimmermann Josef und der Heilige Geist beim Dreier. Als der Sittenpolizist Gereon Rath (Volker Bruch) den Regisseur verhaftet, entgegnet der: "Paragraf 118! Die Kunst ist frei!" So sieht sie in den Hinterhöfen Berlins aus, die klassische Moderne, wie wir sie im öffentlich-rechtlichen Geschichtsfernsehen selten sehen.

Rath, ein geheimnisvoller Fremder, und sein älterer Kollege Wolter (Peter Kurth) sollen im Dienst der Polizei die Berliner Sexualmoral aufrechterhalten, gegen Libertinage und Wollust der champagnerfarbenen zwanziger Jahre kämpfen. Gegen Pornografie und halbseidene Mädchen, die in den Kellergewölben der Swing-Gastronomie Männer an Lederleinen spazieren führen. Die Polizisten verfolgen in Wirklichkeit aber andere, dunklere Pläne. Ganz der Philosophie des amerikanischen Noir verpflichtet, reicht das Sexualdelikt bis in die große Politik. Die Transatlantiker Tykwer/von Borries/Handloegten wissen, dass der Noir einst seine Inspiration aus dem expressionistischen deutschen Stummfilm gezogen hat. Daran erinnern sie, wenn sie markante Schattenspiele auf den Dächern von Berlin zeigen, über die Rath einen Verdächtigen jagt und dann den pockennarbigen Hypnotiseur, der über Unterwelt wie Unterbewusstsein der Stadt zu herrschen scheint.

Um einen politischen Erpressungsversuch zu verhindern, hat sich Rath aus seiner Heimat Köln in die Hauptstadt versetzen lassen. Aus dem Ersten Weltkrieg ist er als Zitterer zurückgekommen, er führt stets ein Etui mit Zigaretten bei sich und ein zweites mit Heroinampullen. Wolter hingegen ist keinesfalls nur das grobe, deutschgemütliche Leberwurstgesicht, als das er anfangs erscheint, wenn er Sprüche klopft ("Mein lieber Kokoschinski") und Jagd auf Kommunisten macht. Am Ende der ersten vier Folgen ist er in einem der hedonistischen Tempel der Stadt auf einem Sofa zu sehen, nackt, kokett an der Zigarette ziehend, sein mächtiger Bauch glänzt wie eine fettige Bratpfanne, und was er einer jungen Frau antut, ist nicht gerade menschenfreundlich. Spätestens dann weiß man: Das ist einer dieser Antihelden, die zum Markenkern des seriellen Qualitätsfernsehens geworden sind. Seine klandestinen Treffen mit Reichswehrkadern sind sicherlich kein Ausweis einer festen demokratischen Gesinnung. Sparsam, im unscharfen Hintergrund, wird die Katastrophe vorbereitet, auf die alles zusteuert.

Am schwächsten ist die Serie, wenn sie die politischen Verstrickungen hinter sich lassen will und das Schicksal einer mittellosen Berlinerin (Liv Lisa Fries) erzählt, die als junge Sekretärin zur Polizei kommt. Hier schimmert der öffentlich-rechtliche Historienmehrteilermief durch (Die Kleine war wieder in der Spinnerei statt in der Schule! Opa klaut die Blutwurst!). Dass sich Sozialrealismus auch anders inszenieren lässt, beweisen die Regisseure, als Rath eine Prostituierte namens Mutti in Wedding trifft. Im Hinterhof jagen Hunde umher, ein schwitzender Mann hackt Fleisch, durch das sich Maden pulen. Es ist der Zuhälter von Mutti, die in ihrer Dreckslochwohnung im Kochtopf rührt und die verstummten Kinder und den Mann rausschickt, wenn ein Kunde kommt.

Tykwer hatte lange nach einem Stoff aus der Berliner Zeit zwischen den Kriegen gesucht, als er 2013 verkündete, die erfolgreiche Gereon-Rath-Krimireihe des Schriftstellers Volker Kutscher zu adaptieren. Damals hatte sich die AfD gerade erst gegründet, Weimar-Vergleiche waren noch nicht allgegenwärtig. Dieser frühe Zeitpunkt mag hilfreich dabei gewesen sein, dass aus Babylon Berlin kein Lehrfernsehen geworden ist, nach der die Talkshow "Wie Weimar sind wir?" ausgestrahlt wird. Hier ist erfreulicherweise nichts "erschreckend aktuell", sondern nur erschreckend, wo es erschreckend sein muss. Und aktuell im Sinne von: auf dem aktuellen Stand der Erzähltechnik.

Ans serielle Fernsehen ist, im Gegensatz zum Kino, eine banale Frage zu stellen: Will ich noch eine Folge sehen? Die Serie ähnelt da dem Videospiel: Was gibt es noch zu entdecken? Was ist da hinten, hinter der Straßenecke? Es wundert wenig, dass für Kutscher beim Schreiben ein historischer Berliner Stadtplan unverzichtbar war.

Seinem ersten Buch ist ein Zitat Walther Rathenaus vorangestellt, "Spreeathen" sei tot, schrieb dieser vor der Jahrhundertwende über Berlin, "Spreechicago wächst heran". In diesem Geiste muss man sich Babylon Berlin als einen schimmernderen Ort vorstellen, der changiert zwischen dem wirklichen, historischen Berlin vor dem Zivilisationsbruch und einem fantastischen, allegorischen Ort, der jenem Chicago ähnelt, das Bertolt Brecht gern als Kulisse für seine Parabelstücke genutzt hat. Wenn in einer der beeindruckendsten Szenen die aufgeputschte Berliner Partyelite im Moka Efti an der Friedrichstraße zu Chanson-Musik einen Rave feiert, biedert sich Babylon Berlin nicht dem heutigen Berghain-Publikum an. Es nimmt sich im Gegenteil das Recht heraus, eine eigene Welt für sich zu beanspruchen.