Science-Fiction ist eine Erzählmaschine, die das Technische, das Satirische, das Soziologische, das Religiöse und das Ästhetische verarbeitet – und jede Menge Selbstreferenzen. Am interessantesten wird es, wenn die Maschine ihre maximale Arbeitsgeschwindigkeit erreicht, kurz vor dem Heißlaufen. In der Regel handelt es sich um unendliche Spiegelungen der immergleichen Vorstellungen von gewaltigen Konstruktionen und noch gewaltigeren Katastrophen. Science-Fiction noir, zu diesem Subgenre gehört der vorliegende Film, zeigt die Dinge der Zukunft im Zustand ihres Verfalls und die Menschen der Zukunft am Rande der Erschöpfung. Dystopie ist das Wort, die Fantasie von allem Möglichen, was in absehbarer Zukunft schieflaufen kann. Stilistisch sind Manierismus, Spätromantik und Futurismus die Bezugspunkte. Nicht nur Bilder vom Kaputten, sondern vor allem kaputte Bilder. Schön kaputte Bilder.

Davon (und von allen anderen Zutaten für eine Science-Fiction jenseits der Adoleszenzmärchen von Star Wars oder Valerian und Veronique) bietet Blade Runner 2049 reichlich. Es ist die Fortdichtung eines Filmes, den Ridley Scott 1982 nach einem Roman von Philip K. Dick gedreht hat und der nach einhelliger Meinung seinerzeit das Genre vollständig veränderte, für viele junge Menschen sogar das Leben oder wenigstens die Art, es zu betrachten. Eine ähnliche Situation von Erweckung und Erneuerung ist diesmal nicht zu erwarten, und doch hat es Denis Villeneuve verstanden, das Genre noch einmal zu beleben und zu bereichern.

Es geht um drei Hauptfragen: erstens die Parallelschöpfung des künstlichen Menschen – hier in der Form des Androiden, der physisch verbesserten organischen Form des Posthumanen, der nicht nur künstliche Intelligenz, sondern auch künstliche Erinnerungen eingepflanzt werden, und in der Form des digitalen Echoraumes, der Traumwesen, mag man sie Seele, Engel oder eine neue Eva nennen. Zweitens geht es um die zunehmende Schwierigkeit, zwischen der Wirklichkeit und den Simulationen zu unterscheiden, hier noch gesteigert durch amouröse Verwicklungen und glamouröse Holografien (unter anderem von Elvis Presley). Zum Dritten geht es um die absehbare Unbewohnbarkeit der Welt, die vergiftet, verstrahlt und von Abfall bedeckt ist. Hier lebt nur noch, wer die kosmische Migration nicht geschafft hat. Hier herrscht die morbide Schönheit von Dreck, Blut, Wasser und verlassenen Hotels.

Die Elemente der Dystopie sind nahezu unbegrenzt verknüpfbar, und beinahe immer werden Bilder der Hölle daraus. Die Hölle, das sind hier wirklich und wahrhaftig: die anderen. Denn wenn die Scheidung zwischen "echten" Menschen und ihren Replikanten (die immer und immer wieder gegen ihren Sklaven-Modus rebellieren müssen) unmöglich wird, dann bricht die prekäre Ordnung endgültig zusammen. Und weil der Kanadier ein durchaus politischer Filmemacher ist, passiert genau das, in einer Abfolge von Katastrophen und Opfern, aber am Ende: für die Erlösung. Und natürlich erzeugt es einen negativen Gründungsmythos: einen Kindermord und seine Verhinderung. Science-Fiction ist immer auch Religion, und Religionen handeln immer auch von Bildern oder ihrer Unterdrückung.

Die Story ist voller intelligenter und durchdachter Wendungen, was den Autoren hoch anzurechnen ist, eine Wiedergabe des Plots aber unmöglich macht, ohne die Tricks dieser mehrdimensionalen Dramaturgie zu verraten. Daher nur so viel: Wenn die Hauptfigur den Namen K. bekommt, dann ist es so wenig zufällig wie der des alten Blade Runner, Deckard (für Descartes), den der neue suchen muss wie einen Vater oder, allgemeiner, wie die Antwort auf die Frage, ob jemand, der denkt, schon wirklich ist oder noch etwas anderes unternehmen muss, damit er eine Seele bekommt. Blade Runner sind übrigens Polizisten, die Jagd auf entflohene Replikanten machen. Kurzum: Ein Kafka-Held auf der Suche nach Aufklärung. Natürlich kann das nicht gut gehen, aber was dabei entsteht, ist das Einzige, worauf es im Kino ankommt: Erkenntnis und Schönheit.

Für diese ist nicht zuletzt der große Kameramann Roger Deakins zuständig, dem wir die visuelle Brillanz einiger der schönsten Filme der Gebrüder Coen verdanken. Er vermittelt stets eine Art Western-Feeling, insofern er das Schmutzige und das Große, die Idylle und die Utopie zusammenbringt. Deakins sieht in seinem sonderbar kaltwarmen Licht Menschen und ihre Umwelt, und vor allem die Augenblicke, in denen beides auseinandergeht. Hier zeigt er endlose Städte in ewiger Nacht und mit einem Regen, der gar nicht anders kann, als früher oder später eine Sintflut zu erzeugen und damit das Medium der Wiedergeburt. In der rostbraunen Gegenwelt des nicht minder endlosen Abfalls verwandeln sich die Zivilisationstrümmer wieder in Landschaft. Und mittendrin gibt es die Versuche, sich irgendwie heimatlich in dieser Nichtwelt einzurichten, anachronistisch genug, eine spärliche Mahlzeit auf dem Gaskocher zuzubereiten, die Erinnerung an ein hölzernes Spielzeug zu beschwören oder Perspektiven zu zeigen, die einfach nur den ästhetischen Reiz von Räumen und Licht auskosten. Die Zeit, die sich dieser Film nimmt, immerhin gute zweieinhalb Stunden, ist weniger mit Action gefüllt als mit visuellen Abenteuern. Das schrecklich Schöne an dieser Zukunft ist, dass die Welt in lauter autonome, halb museale, halb imaginierte Räume zerfallen ist, die unglücklicherweise nur durch eines miteinander verbunden sind: durch den absoluten Vernichtungswillen eines techno-industriellen Schöpfergottes.

Ästhetisch sind auch Reminiszenzen an Comics und Graphic Novels von großer Bedeutung, zu deren Einfluss Villeneuve sich freimütig bekennt ("Als Kind habe ich sie tonnenweise verschlungen"). Er hat Biologie und Mathematik studiert und Comics gelesen: "Die Naturwissenschaft ist ein Teil von mir." Und es ist diese Mischung, die den Film bestimmt. Villeneuve verweigert sich der Idee, eine Welt aus dem Nichts zu erschaffen; alles hat seine Rahmen und seine Komposition, aber alles ist auch rational durchdacht. Es ist alles andere als ein Virtual-Reality-Phantasma oder eine dieser postmodernen Erzählmaschinen, die vom Faszinierenden schnurstracks in vollkommene Beliebigkeit marschieren. Dass hier alles Sinn und Form hat, ist fast schon wieder revolutionär. Denn genau besehen ist Blade Runner 2049 ja neben einem faszinierenden Höllenabstieg auch so etwas wie ein Heimatfilm fürs Zukünftige. Anhand der Frage, ob das Menschliche überleben kann, auch wenn es der Mensch wohl nicht tut.

Die Meta-Pointe eines Films wie Blade Runner 2049 besteht darin, dass die Probleme, die er aufwirft, letztlich allesamt unlösbar sind und nur zu neuen Paradoxien führen. Anders gesagt: Wo die Erkenntnis uns nur immer tiefer in die Hölle führt, hilft nur die Schönheit.