Die Geschichte von der Entstehung des Kunstmarkts geht so: Im 17. Jahrhundert waren die Holländer die erfolgreichste europäische Nation. Das Volk der Kaufleute und Händler, Handwerker und Seefahrer hatte die höchsten Pro-Kopf-Einkommen, seine Sicherheit war vorerst kaum bedroht. Vor allem im Norden des Landes, dicht besiedelt und voller aufstrebender Städte, hatten die Bürger das Sagen, nicht mehr Adelige und Kirchenführer.

Der Wohlstand und die Bildung ließen eine breite Schicht von Kunstinteressenten und Kunstkäufern entstehen. Die Nachfrage nach Kunst stieg und sie wurde nun auch nicht mehr vornehmlich auf Bestellung irgendwelcher Fürsten oder anderer Mäzene gefertigt. Stattdessen entstand ein Markt mit anonymer Nachfrage, die die Maler bedienen konnten. Sie schufen Kunstwerke und lagerten sie, bis sie einen Käufer fanden. Dadurch änderte sich auch der Begriff von Kunst. Sie war nun nicht mehr das Luxussegment des Handwerks, sondern eine eigene Kategorie mit eigenen Preisen.

Man kann diese historische Interpretation bei Historikern nachlesen. Man kann sie sich nun aber auch im Bucerius Kunst Forum in Hamburg ansehen. Das private Museum gleich neben dem Rathaus wird von der ZEIT-Stiftung getragen, die wirtschaftlich unabhängig vom Zeitverlag ist. Es ist die erste Ausstellung, die der neue Direktor Franz Wilhelm Kaiser selbst geplant und verwirklicht hat. Sein wissenschaftlicher Partner dabei ist der deutsche Geschichtsprofessor Michael North, der sich im sogenannten Goldenen Zeitalter der Niederlande auskennt und die Verbindung aus Kunst und Kommerz zu der Zeit erforscht hat.

Es ist eine Ausstellung der vielen Ebenen. Zunächst sind da über hundert Gemälde und Grafiken auf zwei Etagen versammelt, die die Besucher schlicht betrachten können: präzise Porträts des Rembrandt-Schülers Nicolaes Maes zum Beispiel, dramatische Wasserfall-Gemälde von Jacob van Ruisdael, Landschaften von Allart van Everdingen und See-Szenen von Jan Porcellis. Der an Vermeer erinnernde Pieter de Hooch ist mit zwei wunderschönen Alltagsszenen vertreten. Und dann natürlich Rembrandt van Rijn selbst, dessen Karriere die Ausstellung besonders aufmerksam verfolgt.

Günstige Gemälde wurden auf Jahrmärkten verkauft

Er arbeitete vier Jahre als Werkstattleiter von Hendrick van Uylenburgh, der im Zentrum des neuen Kunstmarkts stand. Uylenburgh war einer der wichtigsten Kunsthändler in Amsterdam und eröffnete 1631 ein Atelier, dessen erster Leiter der von ihm geförderte Rembrandt wurde. Vor allem anhand von Radierungen sieht man, wie der sich von Auftragsporträts emanzipierte und Bilder für den entstehenden Kunstmarkt entwarf. Doch zur Mitte des Jahrhunderts scheiterte Rembrandt an diesem Markt. Der Geschmack entwickelte sich weiter, der Stil des Meisters war kaum mehr gefragt.

Markt heißt eben auch ständige Veränderung, neuer Geschmack, neue Produkte. Er bedeutet Expansion und Differenzierung. So stieg die Zahl der Profikünstler schnell an in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Und wie es in der Marktwirtschaft üblich ist, spezialisierten sie sich. Auf Waldlandschaften und auf Dörfer, auf Pferdeszenen oder Kühe. Es bildeten sich verschiedene Preissegmente heraus, entlang derer die Ausstellung auch geordnet ist – von der erschwinglichen Massenkunst bis zur exklusiven Historienmalerei. Günstige Gemälde wurden auf Jahrmärkten verkauft, mittelpreisige Künstler fanden ihre Kunden zum Teil selbst. Rembrandt-Bilder gingen über eine kleine Zahl bekannter Händler. Künstlergilden organisierten Verkaufsausstellungen, und später nahmen sogar örtliche Lotterien Gemälde als Preise mit auf.

Märkte treiben Innovationen voran, beim Absatz wie in der Technik. Ton-in-Ton-Malerei erlaubte es, Gemälde schnell fertigzustellen, ohne die Farbe trocknen zu lassen und überzumalen. In der Wirtschaft nennt man das eine Verfahrensinnovation, die den Produktionsprozess beschleunigt.

Mit Franz Wilhelm Kaiser durch seine Ausstellung zu gehen ist besonders lehrreich, weil man auch viel über seine Absichten erfährt. Er will zeigen, dass Kunst nicht im leeren Raum entsteht, sondern von der Gesellschaft und der Wirtschaft um sie herum beeinflusst wird. Und er möchte Parallelen ziehen zwischen zwei auf den ersten Blick höchst unterschiedlichen Geschehen: dem Turbo-Kunstmarkt von heute, der mit seinen Rekorderlösen und dem Hochjazzen neuer Künstler manchmal keine Ruhe mehr zu finden scheint, und dem vergleichsweise gemächlichen Verkauf von damals.

Die Mechanismen sind tatsächlich ähnlich – und keineswegs alle schlecht. Der Markt bringt den Künstlern Freiheit, sie sind weniger abhängig von einem Mäzen und seinen Launen. Er schafft Raum für kreative Experimente, von denen einige bei den Kunden ankommen und andere nicht. Insofern hat er sogar eine demokratisierende Wirkung.