Die französische Schriftstellerin Catherine Millet hatte 2001 mit ihrem autobiografischen Buch Das sexuelle Leben der Catherine M. einen weltweiten Skandalerfolg. Dem emotionslos-präzisen Bericht über eine libertinäre Existenz folgte 2010 mit Eifersucht die ebenso sachliche Rekapitulation einer Ehekrise. Mit Traumhafte Kindheit hat die Autorin nun ihre schwierige Kindheit erzählt, die mit dem Selbstmord der Mutter endete. Das Buch porträtiert das Kleinbürgertum Mitte des 20. Jahrhunderts, es ist zugleich ein Schlüsseltext für das Verständnis der freimütigen Haltung, mit der sich Catherine Millet tabuisierten Themen nähert. Es macht klar, dass ihr Werk ein Aufklärungsprojekt mit rigorosem Wahrheitsanspruch ist und nicht, wie oft behauptet, Pornografie.

DIE ZEIT: Sie sind Chefredakteurin der Kunstzeitschrift artpress und haben Studien zu Yves Klein und Salvador Dalí verfasst. Welcher Weg führte von dort zur Literatur?

Catherine Millet: Oft wird man Kritiker, weil man seine Ambitionen als Schriftsteller noch nicht verwirklicht hat. Dann fragte mich ein Verleger, ob ich eine Frau kenne, die Lust hätte, über Sexualität zu schreiben. Mein Mann, Jacques Henric, war dabei und sagte: Klar, wir kennen eine – dich!

ZEIT: Hat Ihr Umweg über die Kunstkritik Ihr Schreiben beeinflusst?

Millet: Die Kunstkritik hat mir zu einer Methode verholfen. Meine Bücher sind sehr faktisch, deskriptiv, sie basieren, selbst wenn ich Eifersucht beschreibe, auf einer genauen Beobachtung. Ich habe keine akademische Ausbildung, aber schon in meiner Jugend habe ich die formalistische Kunstkritik aus Amerika gelesen. Nie hat sich Clement Greenberg zu einer Interpretation hinreißen lassen. Er beschrieb die Dinge stets aus der Distanz.

ZEIT: In Ihrem Dalí-Buch sprechen Sie von "Paradoxien des Narzissmus". Auch Ihre Bücher drehen sich um Ihre Person, selbst Ihre Dalí-Studie heißt Dalí et moi, "Dalí und ich".

Millet: Ich hatte mich durch die Veröffentlichung von Das sexuelle Leben der Catherine M. sehr exponiert. Mir wurde klar, dass ein Narzissmus wie der Dalís und auch der meine dazu führt, dass man die eigene Person und ihre Erscheinung gut pflegt. Man möchte sie ja interessant machen. Damit geht man ein Risiko ein, denn die anderen finden einen vielleicht gar nicht so schön und intelligent, wie man selber sich findet.

ZEIT: Das narzisstische Paradox besteht also darin, dass man sich bewusst einer Verletzung aussetzt?

Millet: Man schützt sich nicht. Aber ich glaube nicht, dass es um eine Lust an der Verletzung geht, es ist eher eine Form der Großzügigkeit.

ZEIT: Das Interessante ist widersprüchlich.

Millet: Darum geht es bei mir immer. Selbst wenn man viel über die eigenen Erfahrungen schreibt, gibt es zugleich eine Aufmerksamkeit für das andere. Traumhafte Kindheit handelt auch davon, wie ich als Kind meine Eltern und meine Umwelt wahrgenommen habe. Es ging sogar in erster Linie darum, das Leid meiner Eltern, das dem von Millionen anderen ähnlich war, festzuhalten.

ZEIT: Ihr Titel Traumhafte Kindheit ist zugleich ironisch und unironisch.

Millet: Als ich in dieser Familie lebte, die sich zerriss, sagte ich mir: Du hast eine sehr unglückliche Kindheit. Ich drehte aber die unschönen Ereignisse um, indem ich sie Freunden an der Schule erzählte und durch Witz interessant machte. So bin ich dem kleinen Mädchen entkommen, das sich weinend in die Ecke verkroch, während seine Eltern sich hassten und schlugen. Als ich erwachsen war, wurde mir klar, dass ich dramatische, aber keine schlechten Erinnerungen an meine Kindheit hatte. Das, was Freud als "Familienroman" der Neurotiker bezeichnet, war meine Weise, mich dem Leiden zu entziehen.

ZEIT: Unironisch ist der Titel auch, weil Sie viel geträumt haben. Sie schreiben, dass Träume die Wirklichkeit verändern und das Schicksal bezwingen. Ihr Buch macht deutlich, dass die Einbildungskraft eine gesellschaftliche Kraft ist.

Millet: Absolut. Aus Träumen folgen Ambitionen. Ich wusste nur nicht, ob ich eine berühmte Schriftstellerin wie Françoise Sagan werden wollte oder lieber Filmschauspielerin. Träumen ist die erste Etappe für sozialen Aufstieg.

ZEIT: Diente die Expressivität in Das sexuelle Leben der Catherine M. auch als Waffe? Indem Sie ungerührt über Ihre sexuellen Eskapaden berichteten, immunisierten Sie sich gegen die gesellschaftliche Ächtung.

Millet: Der Unterschied zur Kindheitserzählung besteht darin, dass die sexuellen Abenteuer nicht schmerzhaft waren. Mein sexuelles Leben war angenehm, ich musste es in meinem liberalen Milieu nicht verbergen. Die Aktfotos, die Jacques von mir gemacht hat, hingen bei uns an den Wänden. Wenn unsere Freunde sie sahen, sagten sie: Ah, eine schöne Frau!

ZEIT: Aber durch die Publikation Ihres Buches haben Sie sich dann einem anderen Milieu ausgesetzt.

Millet: Natürlich! Ich würde sogar noch weiter gehen. Ich habe gerade ein Buch über den Lady Chatterley- Autor D. H. Lawrence publiziert. Dort sage ich, dass es all die gesellschaftlichen Transformationen des 20. Jahrhunderts ohne die feministische Bewegung nicht gegeben hätte. Alles fing an mit den sexuellen Ansprüchen der Frauen. Es ging nicht nur um politische Gleichheit, sondern auch um die in der Lust.