Kurt: Sonst kommen die Leute noch auf die Idee: Wenn die Ordnung angeblich schon so wackelt, dass man nicht einmal über die Stränge schlagen kann – dann kann sie eine so stabile Ordnung nicht sein. Ich sage Ihnen: Die AfD artikuliert jetzt eine Unzufriedenheit im Parlament, und unser parlamentarisches System wird gut damit umgehen. Die Demokratie wird gefährdet von den Leuten, die bezweifeln, dass die Demokratie funktioniert. Die hohe Wahlbeteiligung ist eine gute Nachricht. Gefährdet ist die Demokratie allenfalls durch die, die den Regierungsauftrag haben, sich dann den Teufel kehren und machen, was sie für richtig halten. Nur nicht, was die Menschen wollen. Auch in Sachsen.

ZEIT: Trotzdem waren es vor allem Leute aus dem Osten, die im Wahlkampf Angela Merkel anbrüllten.

Kurt: Das sind nicht die Leute, das ist ein kleiner Haufen. Ein Haufen Irrer. Damit darf man sich nicht beschäftigen. Man darf nicht den überwiegenden Teil der AfD-Wähler mit diesen Leuten verwechseln.

ZEIT: War es nicht ein Fehler Ihrer Zeit, Rechtsextremisten als unbedeutende Gruppe zu sehen?

Kurt: Ich habe gesagt, dass die Sachsen immun sind gegenüber Rechtsradikalismus. Das ist auch heute noch meine Auffassung.

Ingrid: Rechtsextremismus gab es fast gar keinen!

Kurt: In vier Jahren ist die AfD von fünf Prozent auf über 20 gestiegen. Das hat nichts mit Neonazis zu tun. Sondern mit Unzufriedenheit. Fehlender Führung im Land. Die gleichen Wähler, die dreimal hintereinander bereit waren, der Regierung eine absolute Mehrheit zu geben, tun das in Sachsen nun nicht mehr. Warum? Das ist eine interessante Frage. Es ist in der Zwischenzeit nicht so viel zusammengebrochen.

ZEIT: Fühlen Sie sich von Stanislaw Tillich genügend gewürdigt als erster Aufbauhelfer nach 1990?

Kurt: Das ist keine Kategorie. Es gibt da eine Distance, die in diesem Gespräch nichts verloren hat.

ZEIT: Wenn jetzt die Frage gestellt wird, wer Tillich nachfolgen soll, sagen manche: Thomas de Maizière.

Ingrid: (zu Kurt): Er wäre schon für deine Nachfolge damals der Beste gewesen.

Kurt: Was bringt diese Debatte? Thomas de Maizière hat eine Bombenstellung in Berlin, und wenn er nicht sich selbst sagt, dass er jetzt über 60 ist und noch mal eine Altersbeschäftigung in Sachsen sucht – dann kommt er auch nicht nach Dresden. Ich würde mich natürlich freuen, ihn noch einmal in Sachsen zu sehen, aber das ist unrealistisches Gerede.

ZEIT: Mit Georg Milbradt waren Sie unzufrieden. Wie gern hätten Sie Ihre Nachfolge selbst geregelt?

Kurt: Manchmal habe ich bedauert, dass ich es nicht tun konnte. Es gibt viele, die im zweiten Glied Hervorragendes leisten, und Milbradt war wirklich ein guter Finanzminister. Aber es war immer so, dass ich ein Auge drauf hatte.

Ingrid: Unter deiner Führung war seine beste Zeit.

ZEIT: Ärgert Sie, dass Sie damals, 2001, wenig Kontrolle über den Übergang der Macht hatten?

Kurt: Das hat mich nicht geärgert. Das hat mir einfach leidgetan. Weil ich wusste, wie es laufen würde. Ich habe großen Ärger gehabt mit der Partei, einer ganzen Reihe von Stänkerern damals. Herr Milbradt hat offenbar schon sehr früh alles darauf angelegt, mein Nachfolger zu werden, und sich ungeheuerlich verhalten. Auch meiner Frau gegenüber. Aber darüber möchte ich nicht mehr sprechen. Wir sollten das für heute abhaken, mehr fällt mir nicht ein.

Ingrid: Dir fällt bestimmt die ganze Nacht noch etwas ein!

Kurt: Wir haben heute viel Erfahrung, würden vieles anders entscheiden.

Ingrid: Nicht vieles, nur weniges.

Kurt: Du hast recht, Liebes. Im Großen und Ganzen sind wir sehr zufrieden mit – wie haben Sie gesagt? Dem Lebenswerk. Das nicht mein Lebenswerk, sondern unser Lebenswerk ist. Meine Frau stand mal auf der Bühne der Semperoper und sagte im Rausch der Gefühle: "Seit wir Ministerpräsident sind ..."

Ingrid: Da war ich müde und erschöpft!

Kurt: Es brachte dir große Sympathien ein. Und es war ja auch wahr!

Mitarbeit: Anne Hähnig