Wenn jedem Anfang ein Zauber innewohnt, dann gilt das vielleicht besonders für die Anfänge großer politischer Bewegungen. Wie wird aus realen Problemen und abstrakten Theorien eine Lehre, ein "-ismus", der Millionen von Menschen eine Deutung der Welt bietet und historische Wirkmacht entfaltet? Wie wird aus Theorie Praxis, aus Ideen Politik? Und wie lässt sich davon erzählen?

Die Historikerin Christina Morina hat die faszinierende Form des Gruppenporträts gewählt, um davon zu berichten, wie das Theoriegebäude von Karl Marx unter die Menschen kam. Die Erfindung des Marxismus heißt ihr eindrucksvolles Buch, und eine ihrer Botschaften lautet, dass die Protagonisten mindestens ebenso sehr von Marx’ Ideen gefunden und zusammengebracht wurden, wie sie ihrerseits den Marxismus als politische Bewegung erfanden.

Morina versammelt in ihrem Porträt neun führende Köpfe der Kohorte, die zwischen 1840 und 1880 geboren wurde und den Marxismus als paneuropäische Bewegung und politische Kraft schmieden half: den Prager Karl Kautsky, den Berliner Eduard Bernstein, die gebürtige Polin Rosa Luxemburg, Victor Adler in Wien, Jean Jaurès und Jules Guesde in Paris, den russischen Philosophen Georgi W. Plechanow, Wladimir I. Lenin und den deutsch-russischen Ökonomen Peter B. Struve. Warum genau diese und nicht auch andere, fragt man sich, während man zu lesen beginnt – egal, es funktioniert, sofort wird man hineingezogen in die packend geschilderten Lebensbilder, auf die Morinas "erfahrungsgeschichtliche Perspektive" feinstellt.

Ein Revolutionär verschränkt sein Schicksal mit der Zeit

Die Kindheit und Jugend, die ersten Leseerfahrungen der Protagonisten werden geschildert; allen gemeinsam war, dass sie aus zwar nicht unbedingt reichen, doch bildungsaffinen Elternhäusern stammten und verhältnismäßig guten Zugang zu beruflicher und akademischer Bildung hatten. Die Marx-Lektüre war für sie eine Entdeckung und Offenbarung, der eine jahrelange Auseinandersetzung vor allem mit dem Kapital folgte. Marx brachte ihnen eine Weltordnung: eine Erklärung, wo die Geschichte hingehen müsse, und eine Erzählung vom Klassenkampf, die eine eigene Rolle definierte, all das mit dem Anspruch der streng systematischen Wissenschaftlichkeit – von der nicht alle Leser erkannten, dass sie möglicherweise um den Preis gewonnen worden war, die Komplexität der sozialen Wirklichkeiten zu verkennen.

Das Marxsche Gedankengut, dies wiederholt Morina immer wieder, bestärkte die Marxisten der ersten Generation in der Überzeugung ihrer historischen Selbstwirksamkeit; und das, während sie zwischen den europäischen Metropolen herumreisten, manche Verhaftung und Verbannung erlitten, vielfach im Exil waren und dabei lasen, schrieben, agitierten, organisierten. Morina folgt der Prämisse des Historikers Eric Hobsbawm, dass zum Revolutionär nur wird, wer sein persönliches Schicksal mit dem Schicksal der Zeit verschränkt sieht, und zeichnet diese Verschränkungen im Detail nach.

Wie dieses Gruppenporträt zeigt, stammte keiner der ersten Marxisten direkt aus der Arbeiterklasse; sie lebten verhältnismäßig bürgerliche Existenzen, in denen selbst die Geldnot des Exils sie nie zwang, eine proletarische oder bäuerliche Arbeit aufzunehmen. Zentral ist daher die Frage, wie sie die soziale Realität der unteren Schichten erfassten, über die sie schrieben und für die sie die Marxschen Schriften übersetzten und popularisierten. Morina entwirft ein weites Spektrum: Es reicht von intensiven Forschungsreisen zur Erhebung der Fabrikinspektionspraktiken in mehreren Ländern Europas beim Armenarzt und Sozialreformer Adler über Jaurès’ Vertrautheit mit den bäuerlichen Lebenswelten seiner Zeit und die Sammlung und Veröffentlichung "proletarischer" Erfahrungsberichte bei Luxemburg bis hin zu den vor allem makroökonomisch-distanzierten Bezugnahmen bei Lenin.

Eine entscheidende Frage war freilich: Wie hältst du’s mit der Revolution? Und was ist Revolution? Wird sie evolutionär oder eruptiv verstanden, als mit legalen oder auch illegalen Mitteln operierend, auf das Soziale oder das Politische fokussierend, und mit wie viel Gewalt oder Gegengewalt soll sie vonstattengehen? Diese Fragen wurden nicht nur abstrakt diskutiert, sondern vor allem auch in Reaktion auf die Russische Revolution von 1905, die Lenin rückblickend als "Generalprobe" für die Revolution von 1917 bezeichnete.

Eine Bewegung mit politischer Wirkmacht

Doch die Darstellung der theoretischen Entwicklungen und Bruchlinien zwischen diesen acht Männern und einer Frau, von denen viele einander kannten und deren Briefwechsel teilweise erhalten sind, ist nur eine Dimension dieses Generationenporträts. Darüber hinaus zeichnet Morina ein lebendiges Bild ihrer Protagonisten als Privatpersonen, inklusive saftiger Details aus ihrem Sexual- und Liebesleben. Hinter den Protagonisten scheinen zahlreiche andere Figuren auf: prägende Mütter und Geschwister; intellektuelle Gefährten, darunter der ältere Engels, der für viele ein wichtiger Mentor war; die Lebensgefährtinnen und -gefährten, die beim unsteten Wanderleben emotionalen Halt gaben; die namenlosen Informanten aus dem proletarischen Milieu; und nicht zuletzt die unzähligen früh verhafteten oder ermordeten Anhänger der Marx-Engelschen Lehre, insbesondere aus dem russischen Reich.

Allein wird keiner zum Revolutionär: It takes a village to make a revolutionary, auch das wird in Morinas Schilderungen klar. All dies spielte sich ab vor dem Hintergrund einer von gesellschaftlichen Umbrüchen gepeitschten Zeit, in der die "soziale Frage" drastische Formen annahm, etwa in der Lohnsklaverei der Wiener Ziegelfabriken. Morina berücksichtigt eine überwältigende Fülle an Quellen, darunter auch neu erschlossenes Archivmaterial zu den Lebenswegen ihrer Protagonisten. Wenn sie mit den Betrachtungen zur Russischen Revolution von 1905 und einigen theoretischen Überlegungen schließt, hat man das Gefühl, hier Akteure kennengelernt zu haben, deren Leben man gerne weiter begleiten würde.

Fast ist man versucht, zu fragen: Brauchte es Marx, um den Marxismus zu erfinden, oder hätten diese Persönlichkeiten auch ohne ihn die europäische Arbeiterbewegung zu einer politischen Bewegung weiterentwickelt? Doch von solchen Spekulationen hält Morina sich fern. Ihr eindrucksvolles Buch aber entlässt seine Leser mit der Frage, ob auch heute noch Theoriebildung die Kraft haben könnte, aus den vielfältigen Formen der Sozialkritik und des Protests eine Bewegung mit derartiger politischer Wirkmacht zu schmieden.

Christina Morina: Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte; Siedler Verlag, München 2017; 592 S., 25,– €, als E-Book 19,99 €