Draußen vor den Fenstern öffnet sich hell die Parklandschaft in ein endloses Grün, das die Konturen von Teichen, Wäldern, Wiesen zerfließen lässt, kein Mensch ist zu sehen, kein Laut zu hören. Perfekte Illusion, diese kleine Welt scheint in eine ewige Ruhe gebettet zu sein: als liege New York nicht 45 Minuten entfernt. Dies ist Princeton, dritter Stock im West Building des Institute for Advanced Study, jenes Orts, den zuerst der Flüchtling Albert Einstein, nach 1933, zur legendären Oase des unbehelligten Denkens machte und der seither legendär blieb: Ernst Kantorowicz, Clifford Geertz, Albert O. Hirschman, Erwin Panofsky, Kurt Gödel, allesamt Ikonen der geistigen Welt.

Gegenwärtig leitet ein Franzose die School of Social Sciences: der 62-jährige Soziologe und Arzt Didier Fassin, aufgewachsen in der Pariser Banlieue, in einem Elternhaus fern der Academia. In Zeiten des Rechtspopulismus ist solche Herkunft zu einer viel diskutierten französischen Intellektuelleneigenschaft geworden – Didier Éribon und Édouard Louis haben die Hinwendung ihres Kindheitsmilieus zu Le Pen in die Feuilletons getragen: die Abgehängten. Fassins Thema aber ist das nicht.

Treffpunkt sein Institutszimmer, wir nehmen mit Blick ins Grüne Platz. Auf dem Fensterbrett hat Fassin Kunstgegenstände aus der Welt versammelt, die ihn beschäftigt, im Kontrast zum Princetongrün: eine metallschwarze Fahrradskulptur aus Afrika steht da, eine ecuadorianische Frauenfigur aus dunklem Holz, ein Schachspiel, wie es sie auf lateinamerikanischen Märkten gibt, das als bunt bemalte Figuren die erobernden Spanier gegen die heimischen Inka antreten lässt. Fassin hat nichts von Drittweltromantik, in weißem Hemd und dunklem Anzug, schmal, wirkt er wie eine klassische französische Figur, von einer Höflichkeit ohne Pose. Und auffallendem Ernst.

Ein paar Worte über das Schachspiel aus den fernen Anden, dann die erste Frage, Princetons Weltabgerücktheit: Vergessen Kosmopoliten die Abgehängten vor der eigenen Haustür, siehe die Wählerschaft Trumps? Fassin antwortet entschieden: Von den Selbstbezichtigungen liberaler Intellektueller, dass sie allzu lange die wütenden Verlierer nicht beachtet hätten, hält er wenig, das alles sei ja seit Langem bekannt gewesen und Trump auch von den Reichen gewählt worden. In klaren Worten verteidigt er die weltferne geistige Arbeit der Wissenschaft, jenseits aller Nützlichkeitsfragen.

Aber hat er nicht unlängst geschrieben, und es klang kritisch, Princeton sei in jeder Hinsicht denkbar weit entfernt von den Banlieues? Ja, das ist paradox, antwortet Fassin, erst auf dieser fernen Insel habe er sich wirklich in seine Arbeit vertiefen können, und erst hier sei er den Menschen, deren Alltag er über mehrere Forschungsjahre begleitet habe, ganz nah gekommen. Erst hier schreibe er auch mit jener Autorität, die den Lebensformen des Elends Aufmerksamkeit verschaffe. Und sein Herkunftsmilieu? Aus seinem bücherlosen Arbeiter-Elternhaus bezog er selbst den Impuls, etwas Nützliches zu tun. Deshalb hat er Medizin studiert, um in die Sterbehäuser der Armen von Kolkata zu gehen.

So lang, so weit wie in der Biografie Fassins ist ein Weg an die Spitze nur selten, und es ist wichtig, davon zu erzählen, um zu verstehen, warum sein neues Buch Das Leben so bemerkenswert ist. Didier Fassin wurde Arzt, arbeitete auf drei Kontinenten, dann brachte er sich, ziemlich autodidaktisch, Soziologie und Anthropologie bei, forschte wiederum als Ethnologe auf drei Kontinenten, in Ecuador, im Senegal, in Frankreich. Wurde Professor in Paris, sodann Direktor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, der wohl einzigen wirklich international verfassten humanwissenschaftlichen Forschungseinrichtung Frankreichs. Und seit ein paar Jahren nun leitet er als erster Ausländer die School of Social Sciences in Princeton als Nachfolger von Clifford Geertz. Auf dem Flur arbeiten nebenan der Sozialphilosoph Michael Walzer und die Historikerin Joan Scott. Ausgezeichneter kann geistige Nachbarschaft kaum sein.