Wer die Politik in Deutschland verstehen will, muss Die Gegen-Demokratie des Historikers Pierre Rosanvallon lesen. Für Deutschland, die verspätete Nation, gibt es nichts, was aktueller wäre als dieses Buch, das elf Jahre nach seinem Erscheinen endlich übersetzt ist.

Die Bürger haben gewählt, eine Regierung bildet sich, das Parlament tritt zusammen, Machtwechsel: Die Hoffnung, dass nun die Stunde der Politik schlägt, dass die Demokratie ihr Versprechen einlöst und ein Programm umsetzt, in dem sich die Mehrheit wiedererkennt, diese Hoffnung ist laut Rosanvallon seit Langem dahin. Der Machtwechsel garantiert nicht länger politische Veränderung. Für Rosanvallon ist das schlicht die Folge eines modernen Pluralismus: Neben die alte repräsentative Demokratie sind zunehmend zivilgesellschaftliche Institutionen und Akteure getreten, die ein Gegengewicht zur gewählten Regierung bilden, eine "Gegen-Demokratie".

Diese Form der Demokratie bemüht sich darum, die Regierenden zu überwachen, ihre Entscheidungen zu korrigieren oder sie über den Umweg der Gerichte zu anderen Gesetzen zu zwingen. Die Gegen-Demokratie umfasst politisierte Richter, Geschworenen-Gerichte, Journalisten, politische Aktivisten, Gewerkschafter und bloggende Bürger. Gekonnt dröselt Rosanvallons Analyse die wechselvolle Geschichte dieser politischen Sphäre auf, von der Französischen Revolution bis hin zum heutigen Zeitalter des Misstrauens, in dem ihr Einfluss stetig wächst.

Als Kronzeugin für den gegen-demokratischen Machtzuwachs könnte Merkel herhalten. Viel kommentiert wurde ihr Ausstieg aus der Atomenergie oder die Einführung des Mindestlohns, nicht gerade konservative Kernanliegen. Nach der Lektüre von Rosanvallons Buch wird man darin aber weniger ein geschicktes Agieren der Kanzlerin sehen wollen als vielmehr ein Reagieren: Es war der gegen-demokratische Druck der Zivilgesellschaft, der Merkel nach links drängte.

Doch für Rosanvallon liegt in der Gegen-Demokratie auch eine Gefahr. Sie kann zur Blockade, zur Denunziation der repräsentativen Demokratie führen, von der sich am Ende kaum noch jemand repräsentiert fühlt. Dann heißt die Frage: Populismus oder Neuerfindung der Politik? Den einen Weg haben die USA eingeschlagen, den anderen müssten die Franzosen jetzt unter Macron beschreiten. Deutschland wartet noch etwas und kann sich so lange in Rosanvallons hellsichtiges Werk vertiefen.

Pierre Rosanvallon: Die Gegen-Demokratie. Politik im Zeitalter des Misstrauens; a. d. Franz. v. M. Halfbrodt; Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2017; 350 S., 35,– €, als E-Book 27,99 €