Angesichts all der autobiografischen Soziologien, die gerade aus Frankreich strömen, ist man verleitet, auch Alain Mabanckous Memoir Die Lichter von Point-Noire durch die Linse von Didier Eribons Rückkehr nach Reims zu lesen. Doch wie viel komplizierter ist so eine Reise, wenn der verlorene Sohn nicht bloß ins provinzielle Arbeitermilieu Nordfrankreichs heimkehrt, sondern Tausende Kilometer zurücklegen und geistige Welten überwinden muss, um an den Ort seiner Kindheit zurückzufinden – den Kongo.

Alain Mabanckou wurde 1966 in der Republik Kongo geboren. (Dem kleineren der zwei Kongos, auch Kongo-Brazzaville genannt.) Er wuchs in der titelgebenden Hafenstadt Pointe-Noire auf, die er 1989 mithilfe eines Stipendiums verließ, um in Frankreich Jura zu studieren. Eine erfolgreiche Karriere als Wirtschaftsanwalt hängte er nach zehn Jahren an den Nagel, um sich der Literatur zu widmen: Er veröffentlichte Gedichte und Romane und ergatterte eine Professur für französische Literatur an der University of California in Los Angeles. Doch erst 23 Jahre nachdem er seine Heimat verlassen hatte, kehrte er zurück. Seine Mutter und sein Stiefvater waren da bereits längst verstorben. Von dieser Reise erzählt Die Lichter von Pointe-Noire voller Trauer und Schmerz und doch urkomisch und liebevoll. Es ist eine Reise in ein Land, das dem Autor selbst oft fast fremd vorkommt mit seinem Mix aus traditionellem Aberglauben, postkolonialem Marxismus und amerikanisierter Konsumkultur. Aber es ist auch eine Rückkehr in ein noch viel exotischeres Reich: das seiner Kindheit und des komplizierten Verhältnisses zu seiner Mutter. So humorvoll Mabanckou im Ton bleibt, so tieftraurig und erschütternd sind seine Geschichten oft.

Selbst zur Beerdigung seiner Mutter kam Mabanckou nicht. Die Verletzungen, die sich Mutter und Kind gegenseitig zugefügt haben, werden schon früh im Buch klar: Als der Sohn nach Frankreich aufbricht, verstößt die Mutter ihn. "Meine Cousine sagte immer, ich würde kein Kind bekommen", erklärt sie dem ins Exil gehenden Sohn. – "Aber ich bin doch da! Ich bin dein Kind!" – "Die Cousine hat auch gesagt, dass ich nur einen Sohn hätte, der weit weg gehen würde, und ich allein in einer Hütte sterben würde, wie jemand, der keine Familie hat."

Endlich zurück in seiner Heimat, driftet Mabanckou durch die Hafenstadt. Er wird von seiner weitverzweigten Familie durch die Viertel gereicht, wo er Vertreter aller möglichen Gesellschaftsschichten und Gruppen trifft, Prostituierte ebenso wie Philosophielehrer. An jede dieser Personen ist eine Erinnerung geknüpft, sodass aus den Interaktionen ein Porträt der Stadt entsteht, voller Gerüche und Farben. Immer wieder erscheint ein Schwarz-Weiß-Foto eines der Verwandten und Stadtoriginale wie ein Geist – der Geist von jemandem, der dem Leser plötzlich so nah ist.

Dieses erzählerische Talent hat Mabanckou bereits in seinen bisherigen Romanen wie African Psycho oder Zerbrochenes Glas bewiesen. Mit offensichtlichen autobiografischen Anleihen stellte er das Alltagsleben, die Wünsche und Hoffnungen, selbst die modischen Vorlieben und Subkulturen Zentralafrikas so plastisch aus, dass er zu den wichtigsten Stimmen der frankofonen afrikanischen Literatur zählt. 2015 wurde er für den Man Booker International Prize nominiert. Höchste Zeit, dass wir auch in Deutschland Mabanckou lesen. Dank der wie immer leichtfüßigen Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller ist das ein großes Vergnügen.

Alain Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire. Roman; a. d. Franz. v. H. Fock u. S. Müller; Liebeskind Verlag, München 2017; 266 S., 20,- €