Wie gelangt man zum Allerheiligsten? Im Remake des Films Ladykillers müssen die Räuber nur einen Tunnel zu einem Kasino graben, denn dort haust der irdische Gott der entzauberten Moderne, das erlösende Geld. Damit sie beim Buddeln nicht auffallen, geben sie sich als Musiker aus und mieten den Keller einer Witwe. Doch die fromme Südstaatenseele, die sonntags immer in die Kirche geht, durchschaut den faulen Zauber. Der solidarische Geist der betenden Gemeinde, das ist die Pointe, verschafft ihr eine Transzendenzerfahrung und schärft ihren moralischen Sinn.

Der Film der Coen-Brüder war 2014 eine postsäkulare Provokation. Sollte die Religion ihren Untergang überlebt haben und mehr sein als nur eine Einbildung ungenügend aufgeklärter Menschen? Es ist diese Frage, die auch den Soziologen Hans Joas umtreibt, und seit Langem widerspricht er der Behauptung von dem unvermeidlichen Verschwinden der Religion und der progressiven Säkularisierung aller Verhältnisse. Jetzt hat er seine Argumente zu einem Opus magnum versammelt, genauer: zu einer wuchtigen, gleichwohl respektvollen Kampfansage an die Soziologie. Die Macht des Heiligen greift die berühmteste Theorie an, die sie je in die Welt gesetzt hat, nämlich die Meistererzählung von der Entzauberung der Welt und dem Ende der Religion. Auch wenn diese Erzählung im 20. Jahrhundert eine magische Wirkung entfaltete – für Joas ist sie schlicht falsch. Der welthistorische Megatrend existiert nicht; die Entzauberungsthese ist eine Pseudogewissheit, die dringend entzaubert werden muss.

Der Hauptgegner ist natürlich der Soziologe Max Weber, aber dieser Riese steht schon auf den Schultern anderer Riesen. Joas beginnt mit David Humes Naturgeschichte der Religion, einer Abhandlung, die in der Aufklärung große Wirkung entfaltete und sich die Kritik einhandelte, sie sei ungefähr so sinnvoll wie eine Moralgeschichte der Meteoriten. Gleichwohl war Humes Kritik produktiv. Sie brachte Philosophen wie Herder oder später William James dazu, Theorien expressiver religiöser Erfahrung zu entwickeln und Religion nicht von außen, sondern vom Selbsterleben her zu beschreiben.

Nach dem Hohen Lied auf seinen Säulenheiligen William James knöpft sich Joas den französischen Soziologen Émile Durkheim vor, einen weiteren Meisterdenker des 19. Jahrhunderts. Auch wenn dessen Ritualanalysen brillant seien, so leite er das Heilige allein aus ekstatischen Kollektiverfahrungen ab und unterschlage die individuelle Erfahrung von Selbsttranszendenz. Nicht nur, dass Durkheim das Geheimnis der Religion nicht erklären könne beziehungsweise es an das der Stammesreligionen annähere; er verfehle auch das alles Entscheidende: die spektakuläre Umwälzung aller Verhältnisse durch die ethisierten Erlösungsreligionen der Achsenzeit. Vor über 2.000 Jahren erschütterten Judentum und Christentum die antiken Eroberungsstaaten, und das jüdische Ideal der Gottes- und Nächstenliebe brach mit der natürlichen Gebundenheit der archaischen Religion an Staat, Blut und Ort. Die neuen Brüderlichkeitsreligionen feierten einen Gott, für den es keine Fremden, nur Brüder gibt, sie empörten sich über soziale Ungleichheit und entzauberten den Gottesanspruch imperialer weltlicher Macht: Wenn es einen Gott im Himmel gibt, kann der Herrscher auf Erden nicht gottgleich sein.

Anders als Durkheim beweist der Soziologe Max Weber ein prägnantes Bewusstsein für die Revolution der Achsenzeit und erkennt, was die Entstehung einer universalistischen Brüderlichkeitsreligion weltgeschichtlich bedeutet. Und doch unterscheidet Weber, das Genie der Differenzierung, hier nicht scharf genug; seine Entzauberungsthese, so wirft Joas ihm vor, beruhe auf der Verwechslung von Phänomenen und der mit protestantischer Konfessionspolemik angereicherten Verknüpfung unterschiedlicher Erscheinungen. So habe er, und das ist nur ein Beispiel, zuerst den Sakramentglauben auf einen magischen Hokuspokus reduziert, um anschließend die Entwertung magischer Praktiken ("Entmagisierung") mit dem Verschwinden des Sakramentglaubens ("Desakralisierung") gleichzusetzen.