Alle sprechen vom Silicon Valley. Aus dem Tal der Halbleitertechnologie ist das Epizentrum der menschlichen Zukunft, aus programmierenden Nerds sind kosmopolitisch stilbildende Hipster geworden. Elon Musk, Larry Page, Mark Zuckerberg: Auf einmal sind Tech-Gründer Ikonen, Popstars, gar potenzielle Präsidentschaftskandidaten. Zukunftsszenarien, die vor Kurzem noch als Science-Fiction belächelt wurden, erscheinen realer denn je: ewiges Leben durch Kryokonservierung, Internet überall durch Ballons in der Stratosphäre, Mondreisen für jedermann mit wiederverwendbaren Raketen. Hinter all diesen Plänen steht nur eine Handvoll mächtiger Köpfe.

Milliarden Menschen verbringen jeden Tag viele Stunden in Silicon-Valley-Applikationen wie Facebook, Instagram oder WhatsApp. Nicht nur die Geschäftsmodelle von Google und Co. sind übermächtig. Auch die transportierten "Werte" sind es, ihr Design, ihre Icons und Kommunikationsregeln. Amerikanische Vorstellungen von Gewalt (liberal) und Nacktheit (restriktiv) überrollen die Welt. Was droht, ist eine kulturelle Gleichschaltung. Denn, so hatte es schon Nietzsche erkannt, nicht nur wir Menschen formen unsere Medien, sondern auch die Medien uns.

Alle ikonischen Gründungen der letzten Jahre kommen aus Kalifornien. Keine kommt aus Europa, das geistig noch tief im industriellen Zeitalter steckt. Was uns fehlt, sind postindustrielle Unternehmen, die die Werte und Stärken europäischer Kultur ausstrahlen.

Statt den Weg für digitale Ikonen zu bereiten, denken wir Digitalisierung als Infrastrukturprojekt. Hauptsache, wir können wieder Glasfaserkabel einbuddeln: hat sich ja schon in den Achtzigern beim Kabelfernsehen bewährt. Das ist inkrementelles deutsches Technikerdenken: Fortschritt durch kontinuierliche Verbesserung des Bestehenden. Doch digitale Innovation ereignet sich disruptiv, explosionsartig. Plötzlich entsteht aus einer Idee eine Technologie, die die vorhandenen vollständig verdrängt. Das müssen wir begreifen. Als Anfang der Neunziger in Erlangen das MP3-Format erfunden wird, ignoriert es die deutsche Industrie. Es gibt doch die CD! US-amerikanische Firmen machten MP3 dann schnell zum kommerziellen Welterfolg.

Ein deutscher Gründer ist im siebten Himmel, wenn sein Unternehmen vom amerikanischen Marktführer gekauft wird. Er will Geld verdienen, aber nicht zum Mond. Amerikanische Gründer wollen beides. Die Folge: Europa wird zur Ideen-Zulieferindustrie des Silicon Valley. Gesellschaft und Politik sind im Konflikt. Niemand sieht gern traditionelle Unternehmen bedroht. Das kann einem Angst machen. Aber beharrt man deswegen auf den bewährten Regeln der Old Economy, die in der Zukunft nicht mehr gelten? Das Disruptive widerspricht unserer Kultur: dem deutschen Glauben an Planbarkeit, dem Wunsch nach Sicherheit. Wir glauben an kontinuierlichen Fortschritt, Zertifizierung und TÜV. Wir haben nicht das kollektive Selbstvertrauen der Amerikaner – und schon gar nicht einen gesellschaftlich akzeptierten Größenwahn, bei dem das ständige Verschieben von Grenzen zum stolzen Gründungsmythos gehört und Identität stiftet.

Wir messen Wirtschaftspotenz nicht an Visionen für die Zukunft, sondern an Arbeitsplätzen und Umsätzen im Hier und Jetzt. Bei uns bedeutet "Unternehmensgröße" immer noch so viel wie "Anzahl von Arbeitsplätzen". Die GAFA-Unternehmen – Google, Apple, Facebook, Amazon – zeigen, dass diese Gleichung nicht mehr gilt. Gerade "Disruptoren" brauchen weniger Beschäftigte als ihre Vorgänger. Die Amerikaner wollen mit GAFA digital Geld verdienen, weltweit die Meinungsfreiheit fördern, tödliche Krankheiten ausrotten und den Klimawandel aufhalten. Wir Deutschen sehen das anders. Wir wollen die Digitalisierung eigentlich nicht. Wir finden, sie stört unsere Ruhe und bringt unbekannte Risiken mit sich: so ähnlich wie Fluglärm, Atomkraftwerke und Flüchtlinge.

Aber wie verwandeln wir Digitalisierungsskepsis in Zukunftsbegeisterung? Wir brauchen Maßnahmen und Narrative. Die Marslandung ist uns nicht so wichtig. Aber als Kontinent der Aufklärung wollen wir Spitzenbildung, die sich alle leisten können – kann Digitalisierung da helfen? Weil sozialer Frieden für uns ein hohes Gut ist, brauchen wir eine Topgesundheitsversorgung für alle Bürger – wird das durch digitale Medizin bezahlbar? Wir wollen keine Kohle mehr fördern und die CO₂-Emissionen senken – schaffen wir das mithilfe einer neuen, digitalen Mobilität?

Konkret: Streichen wir alle Fördergelder für Start-ups. Antragsprosa ist keine Gründungskompetenz. Fördergelder schaffen kein Ökosystem für die Digital Economy. Im Gegenteil, sie fördern die Gefahr, dass sich die richtigen Köpfe mit den falschen Ideen beschäftigen. Stattdessen sollten Deutschland und Europa die Voraussetzungen für angel investments in der Frühphase von Unternehmen verbessern und für Venture-Capital in ihrer Wachstumsphase. Es darf nicht darum gehen, dass alle Start-ups Geld bekommen. Sondern dass die aussichtsreichsten große Finanzierungen und großes Talent anziehen.

Das Silicon Valley ist auch deshalb so erfolgreich, weil die GAFA-Konzerne vor ihrer Haustür Gründungen aufkaufen, sobald sie ihnen auffallen. So wie der FC Bayern jeden Stürmer kauft, der mal gegen ihn ein Tor schießt. Behalten wir die digitalen Angreifer in Europa.

Außerdem: Liebe Universitäten, holt eure Gründer zurück! Und sorgt dafür, dass sich die Besten aus unterschiedlichen Fachbereichen kennenlernen. Denn so viel ist sicher: Das nächste Google wird wieder nicht von einem Betriebswirt gegründet. Es ist darum höchste Zeit, Europa digital auf die Sprünge zu helfen.