Jedes Mal, wenn Donald Trump etwas Vernünftiges tut, darf die Welt aufatmen – aber nur bis zum nächsten Tweet. Es läuft wie in der Novelle von Robert Louis Stevenson, Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die von einer gespaltenen Persönlichkeit handelt. Der Doktor ist ein kluger, angesehener Mensch. Mr. Hyde, sein anderes Ich, ist ein übler Typ, dem Mitleid und Reue abgehen.

Der gute Trump beschimpft die Nato nicht mehr als "obsolet"; jetzt heißt es: "Wir stehen fest zur gegenseitigen Verteidigungsverpflichtung." Statt "ihr zahlt, oder wir ziehen ab" gilt die Verlegung einer Kampfbrigade nach Osteuropa. Um die Sicherheitsgarantie für Japan und Südkorea zu untermauern, entsendet Trump Kriegsschiffe und Raketenabwehrwaffen. Putin ist nicht mehr sein "neuester bester Freund". Das Pariser Klima-Abkommen will er nun doch honorieren.

Nun zu Mr. Hyde. Der beleidigt die Bürgermeisterin von San Juan – mitten in der Sturmkatastrophe von Puerto Rico. Er drischt auf seinen Außenminister ein, der einen Direktkontakt zu Nordkorea aufgebaut hatte; der "vergeudet bloß seine Zeit". Beispiellos ist Trumps Attacke gegen die Profis der National Football League, die während der Nationalhymne gekniet hatten, um gegen Polizeigewalt zu protestieren. Die NFL-Besitzer sollen brüllen: "Weg vom Feld mit diesem Hurensohn! Sofort! Er ist gefeuert!"

Die New York Times kommentiert: Frühere Präsidenten hätten solche "öffentlichen Schlachten" vermieden, "doch Trump genießt sie", weil er so "stark und mächtig aussieht". Damit liegt das Blatt mindestens zur Hälfte richtig.

Natürlich haben die Großen aus Sport und Politik lauthals protestiert: Man trampele nicht auf Leuten herum, die schon am Boden liegen (Puerto Rico); unverschämt sei es, dem eigenen Außenminister in den Rücken zu fallen. Macht nichts: Mit 49 zu 43 Prozent stellten sich die meisten Befragten auf Trumps Seite – die Spieler sind im Unrecht. Noch besser: An der Basis, unter den Republikanern, waren es fast 90 Prozent. Das heißt: Unser Mann kann nichts falsch machen. Es ist egal, ob Trump die Gesundheits- und jetzt die Steuerreform verpatzt. Sie halten ihm die Treue, ganz gleich, wie arrogant er gegen den Anstand verstößt. Es kümmert sie auch nicht, dass der Kniefall als Freiheit der Rede durch die Verfassung gedeckt ist. 1989 hat das Oberste Gericht entschieden, dass selbst das Verbrennen der Flagge unter das Recht auf Redefreiheit falle.

Trump weiß, dass Patriotismus Protest schlägt. Er lebt davon, die eine Hälfte Amerikas gegen die andere zu mobilisieren. Noch mehr genießt er das Rampenlicht. Eine ganze Woche lang redete das Land über die NFL und nicht über Schicksalsfragen wie Nordkorea, Iran oder die Steuerpolitik. Zu den Toten von Las Vegas wird ihm nach seinen Beileidsbekundungen abermals etwas einfallen, was die Aufmerksamkeit auf ihn lenkt.

Nach acht Monaten im Amt ist klar, dass Dr. Jekyll und Mr. Hyde eine Person sind. Angesichts der treuen Basis ist aber auch klar, wie illusionär die Hoffnung auf die Amtsenthebung ist. Diese ist kein juristisches, sondern ein politisches Verfahren, jedenfalls so lange, wie die Republikaner den Kongress beherrschen. Was Europa tun soll? Mit dem "guten" Trump kooperieren, den "bösen" ignorieren. Kritik und Verdammnis produziert sein eigenes Land zuhauf.