Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Die Österreichische Ärztekammer ist bekanntlich ein Bollwerk des Konsenses. Sie neigt nicht zu vorschnellen Reaktionen und legt immer wieder Engelsgeduld an den Tag. Aber nun hat auch sie endlich die Geduld verloren, und das zu Recht. Sie startete eine Plakatkampagne, in welcher der Kopf einer krebskranken Frau zu sehen ist, die schwer von den Folgen einer Chemotherapie gezeichnet ist. Damit soll auf die Ungerechtigkeiten im Gesundheitswesen hingewiesen werden. Allerdings nicht darauf, dass sich gewisse Missstände negativ auf die Leidenswege der Patienten auswirken würden, das interessiert hier weniger. Im Fokus stehen vielmehr die unglaublichen Probleme der Ärzteschaft. Denn auf den Schockplakaten findet sich die anklagende Botschaft: "Du kämpfst mit Krebs. Dein Arzt kämpft mit bürokratischen Hürden der Krankenkasse." Und man weiß, gegen das, was da Krankenversicherer am Korpus der Ärzteschaft anrichten, hilft keine Arznei. Wir wussten bereits, dass der Kampf gegen das Sterben eine Bagatelle darstellt im Vergleich mit dem täglichen Titankampf der Mediziner gegen das bürokratische Monster in den Tintenburgen. Die Äskulapritter werden von einem wahrhaft infernalischen Schüttelfrost aus pedantischen Verordnungen und heimtückischen Regeln gebeutelt. Wie läppisch nimmt sich da die Todesangst eines von Metastasen befallenen Patienten aus im Vergleich mit der ständigen Unbill, welche die Sozialversicherungsanstalten zu verantworten haben. Jene Sozialversicherungen, welche die Medizinerkaste angeblich etwas liebevoller behandeln als andere Berufsgruppen. Was nur ein böses Gerücht sein kann, denn Ärzte und Privilegien passen schon aus ethischen Gesichtspunkten nicht zueinander. Unklar ist, an wen sich diese Protestkampagne richtet, da die Passanten auf der Straße in diesem Konflikt wohl kaum als Entscheidungsträger in Erscheinung treten können. In jedem Fall soll der Kampf weitergehen, das nächste Motiv wird der bedrohliche Spruch zieren: "Wenn die Anzahl der Kassenärzte sinkt, sinkt die Lebenserwartung von Patienten gleich mit." Das ist mutig, denn die Anzahl der Ärzte erhöht statistisch zwar die Anzahl der Patienten, ob jedoch eine niedrigere Anzahl an Ärzten wirklich die Lebenserwartung senkt, ist empirisch nicht nachgewiesen. Dennoch sollte man dranbleiben. Demnächst vielleicht das Bild eines Verkehrstoten mit dem Slogan: "Kein Arzt war in der Nähe, wieder einer von der SVA umgebracht!" Oder ein Papierstapel, neben dem steht: "Papier ist geduldig, der Tod nicht!" Der Auftrag ist dank der Ärztekammer klar: Macht die Krankenkassen kaputt, bevor sie euch kaputt machen.