Wir Unternehmer und Manager hätten es uns nicht ausgesucht, doch nun zwingt uns die jüngste Entwicklung zur politischen Einmischung. In den USA ist ein Unternehmer an der Macht, doch einer, der die westlichen Werte missachtet und für Protektionismus und Abschottung steht. In Großbritannien, wo ich seit Jahren arbeite, hat eine unverantwortliche Politik in den Brexit geführt, der ökonomisch widersinnig und zugleich gefährlich ist – und ebenfalls auf Abschottung setzt. In beiden Fällen wurde wirtschaftliches Handeln gewissermaßen zwangspolitisiert. Rassismus und autoritäre Tendenzen greifen um sich. Beide widersprechen sowohl unserer inneren Einstellung als auch unserem Verständnis von Vielfalt und Unternehmenskultur. Darum sollten wir als proeuropäische Unternehmer diese Politisierung erkennen, unsere – jedenfalls öffentliche – Zurückhaltung aufgeben und für mehr Europa kämpfen.

Wo auf der Welt soll denn sonst die Einheit von freier Marktwirtschaft, offener Gesellschaft und globaler Zusammenarbeit besser gewährleistet sein? Wo können demokratische, sozial verantwortliche Unternehmer am besten profitabel arbeiten, ohne ihre Werte zu verraten, wenn nicht in Europa? Hier liegt die Wurzel unserer so global gewordenen Biografien und die Heimat unserer Werte. Darum müssen wir uns intensiver als zuvor dafür einsetzen, die EU zu stärken, im wirtschaftlichen, aber auch geistigen Wettbewerb mit den anderen Supermächten. Ökonomisch, demografisch und ideengeschichtlich gesehen sind wir doch auch eine Supermacht, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein, geschweige denn zeigen wollen.

Viel zu lange hat unsereins das Klagelied über Brüssel mitgesungen (mea culpa). Doch es geht nicht um Brüssel oder Bürokratie. Es geht vielmehr um die Grundfrage, ob Europa sich mit seiner Art, zu leben und zu arbeiten, behaupten kann.

Wir haben doch von Macron eine fantastische Chance bekommen, in eine neue europäische Dimension zu wachsen, auch wenn nicht jeder seiner Vorschläge sinnvoll ist.

Wie also können wir Wirtschaftsleute Europa denn nun stärken?

Es fängt mit dem Reden an: Als Unternehmer, Manager und Investoren haben wir erhebliche kommunikative Reichweite. Damit können wir helfen, Europas Binnen- und Bindekräfte zu mobilisieren, gerade unter den jungen Leuten. Damit es etwas vergleichbar Großes zu En Marche in Frankreich auch hierzulande geben kann, müssen wir darüber mit ihnen diskutieren, an (Berufs-)Schulen, Universitäten, in den Betrieben. Plattformen für die proeuropäischen Argumente hat man als Führungskraft viele. Meiner Erfahrung nach besteht bei Schülern und Studenten großes Interesse am Austausch mit Wirtschaftsführern. Und in den Belegschaften wird ohnehin heiß debattiert, nur eben selten mit den Chefs. Vielleicht haben wir den Eindruck erweckt, Politik sei etwas, das nicht in die Unternehmen gehört, das uns nur von der eigentlichen Arbeit abhält. Doch sie ist Teil davon, spätestens jetzt.

Keine Frage, Europa kämpft an vielen Fronten: Migration und Integration, digitale Infrastrukturen, Euro-Zusammenhalt, Klimaschutz, (IT-/Cyber-)Sicherheit und Verteidigung, Bürgerrechte und Datenschutz, Sicherung fairen Wettbewerbs, Regulierung des Finanzmarktes – die Liste ließe sich fortsetzen. Und ja, hier und dort wird überreguliert – aber jeder der genannten Bereiche erfordert enge Kooperation, einen verbindlichen europäischen Rechtsrahmen oder technische Standardisierung. Bei der Digitalisierung wird es besonders deutlich: Wir brauchen den einheitlichen Binnenmarkt, um die Skalierungschancen Europas zu nutzen und wenigstens ansatzweise ein level playing field mit China und USA zu schaffen. Letzteres ist eine entscheidende Grundlage für den Erfolg hiesiger Software- und Internetunternehmen. (Können wir es beispielsweise schaffen, dass die auf Datenmonopolen basierende Wertschöpfung nicht dauerhaft außerhalb Europas stattfindet?)

Vor allem aber brauchen wir Solidarität. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die immer noch zu hohe Jugendarbeitslosigkeit in Teilen Südeuropas muss als unser aller Problem verstanden werden, zu dessen Lösung wir beitragen können, etwa durch Standortinvestitionen und Ausbildungsangebote. Mindestens aber durch ein Eintreten für offene Binnengrenzen.

Natürlich werden auch immer mehr Menschen nach Europa drängen, wenn wir nicht entschlossen und wirksam zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Herkunftsländern beitragen. Das wird die Schlüsselaufgabe für den Zusammenhalt Europas sein, denn wir haben erst einen Hauch des humanitären Problems bei uns gespürt. Die Prognosen über die Zahl der Verzweifelten, die bereit sind, für ein menschenwürdiges Leben alles zu wagen, variieren, manche reden von 100 Millionen. Ein Lösungsansatz, nämlich Bekämpfung der Fluchtursachen durch Hilfe vor Ort, wurde zwar formuliert, doch über die Dimension dieses "Projektes" weiß man nur: Es muss mehr gemacht werden, schneller und dauerhaft.

Wir müssen das Problem auf jeden Fall auch als unser eigenes begreifen.

Es wird uns enormes Geld und viele Jahre Arbeit von europäischen Fachleuten und Unternehmen kosten, die technologischen, medizinischen, infrastrukturellen und politischen Voraussetzungen in den Ländern mitzuentwickeln, in denen die an ihrer Perspektivlosigkeit Verzweifelten sonst keine Alternative zur Flucht mehr sehen. Aus dem einstigen Außenthema "Entwicklungshilfe" wird ein drängendes Binnenproblem, das nur mit der Wirkungsmacht des europäischen Kollektivs leidlich gelöst werden kann.