Hinter den Kulissen lauert sie – Seite 1

Keine Frau legt ihr Baby vor eine Tür, die sich jederzeit öffnen könnte. Frauke Petry hat ihren vier Monate alten Sohn Ferdinand auf einer kleinen Matratze genau in dem Durchgang platziert, den die Abgeordnete noch vor Kurzem benutzte, um sich in den Räumen der AfD nebenan Kaffee oder Wasser zu holen. Das ist jetzt vorbei. Nach ihrem Austritt aus der Bundestagsfraktion und der Partei haben ihre früheren Weggefährten die Tür verschlossen und sie gezwungen, den Schlüssel abzugeben. Petry und ihre Getreuen werden auf dem Flur geschnitten. Jetzt hockt die 42-Jährige etwas matt in ihrem Dresdner Landtagsbüro und setzt ein tapferes Gesicht auf.

Gerüchte werden verbreitet: Petry habe den Austritt aus der AfD mit Angela Merkel verabredet, um die Partei kaputt zu machen. 2021 wolle sie mit der Kanzlerin regieren können, denn das sei ihr eigentliches Ziel: ganz oben ankommen. Ihr Mann, der ebenfalls aus der AfD ausgetretene frühere NRW-Landesvorsitzende Marcus Pretzell, habe eine Affäre mit einer anderen Frau, und deshalb sei Petry, die Verräterin, jetzt ganz allein auf der Welt. Sie lächelt das alles weg: nichts dran.

Frauke Petry gibt in diesen Tagen ein Interview nach dem anderen. "Ich habe seit Langem wieder das Gefühl, ich selbst zu sein", sagt sie, halb erschöpft, halb erleichtert. Aber ihre Zeit ist knapp: Maximale Öffentlichkeit ist das Einzige, was im Moment noch zwischen ihr und der politischen Bedeutungslosigkeit steht. Bisher ist der Massenexodus aus der AfD ausgeblieben. Von Spaltung keine Rede .

Zwar hat es vereinzelte Austritte gegeben. Ein Tröpfeln, das sich Petry als Strategie schönredet: Wenn noch einer gehe und noch einer, dann sei das für die AfD viel bedrohlicher als der große Knall. In Wahrheit ist es Petry mit ihrem Projekt einer "kulturpatriotischen, wirtschaftsliberalen" Bewegung, die bedroht ist – und zwar ausgerechnet durch einen Erfolg.

Denn direkt nach ihrem Ausscheiden aus der AfD-Bundestagsfraktion errangen dort die gemäßigten Kräfte einen wichtigen Sieg. Sächsische Abgeordnete um Petrys Erzfeind, den Dresdner Richter Jens Maier, hatten versucht, die anderen Abgeordneten zu einer Art "Ehrenerklärung" für Maier zu gewinnen. Maier ist ein Vertrauter des thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke, er nennt sich gern "der kleine Höcke". Gegen beide läuft ein von Petry initiiertes Parteiausschlussverfahren wegen rassistischer und revisionistischer Äußerungen. Der Versuch ihrer Rehabilitation scheiterte. Mit Gaulands Hilfe wurde der Antrag aus formalen Gründen abgeschmettert: Die Bundestagsfraktion habe sich nicht in Verfahren der Landesverbände einzumischen, wo käme man da hin. Es heißt, "Petrys Leute" hätten Gauland zu diesem Schritt gezwungen – Abgeordnete, die gedroht haben, sonst die Fraktion zu verlassen.

Petry-Vertraute folgen ihr also nicht. Aber sie nutzen ihren Auszug zu einer Art politischen Erpressung.

Auch die Tatsache, dass der thüringische Bundestagsabgeordnete und Höcke-Vertraute Stephan Brandner bei den Wahlen zum Parlamentarischen Geschäftsführer mit 44 gegen 47 Stimmen knapp gegen den Pretzell-Getreuen Michael Espendiller aus NRW unterlag, gehört in diese Reihe. Brandner hatte im Erfurter Landtag Ordnungsrufe wie Ehrenabzeichen gesammelt – 32 in einer Legislaturperiode. Zu einer Grünen-Abgeordneten hatte er gesagt: "Wenn ich Sie sehe, ziehe ich mir die Hose das nächste Mal runter", nachdem diese ihn zuvor aufgefordert hatte, die Hosen hochzuziehen.

Die Kräfte, die Petry rief, formieren sich ohne sie.

Eine syrische Familie, hatte er ein anderes Mal bemerkt, das sei für ihn "Vater, Mutter und zwei Ziegen". Über Merkel sagte er nur: "Anklagen. Einknasten. So."

Der Einfluss von Petrys Linie einer "konstruktiven Opposition" zeigt sich auch in einer Rundmail des Bundesvorstands, die der ZEIT vorliegt. Darin heißt es: "Im berechtigten Ärger über die von den Altparteien zu verantwortenden katastrophalen Verhältnisse entschlüpfte (...) in den vergangenen Wochen manchem das eine oder andere unüberlegte Wort, welches dann von vielen Medien aufgegriffen wurde." Alexander Gauland hat die Mail unterschrieben, obwohl vor allem seine Äußerungen gemeint waren. "Hier", so heißt es weiter, "werden wir uns weiter professionalisieren, uns gleichzeitig aber nicht den Schneid abkaufen lassen, deutliche Worte für das Versagen des bisherigen politischen Establishments zu finden."

Am Tag der Deutschen Einheit lädt die "Alternative Mitte", ein AfD-internes Sammelbecken von Gemäßigten zu einem Deutschlandtag im oberfränkischen Tettau ein. Als Redner sind vorgesehen: Fraktionschefin Alice Weidel, die Abgeordnete Beatrix von Storch und der Publizist Konrad Adam. Die Kräfte, die Petry rief, formieren sich also. Aber ohne sie.

Frauke Petry ist all das in ihrem Dresdner Verlies nicht entgangen. "Gauland, Weidel und Meuthen", sagt sie, "schwenken jetzt verbal auf die realpolitische Strategie ein, die ich seit Langem gefordert habe und die zuvor aufs Heftigste bekämpft wurde." Da sei es ja wohl "mehr um die Erlangung von Posten als um politische Überzeugungen" gegangen. Sie steht auf, um das weinende Baby zu wiegen. Als ihr Sohn eingeschlafen ist, legt sie ihn auf die Matratze vor der Tür zur AfD.