Auf der bekanntesten Fotografie aus seinem Todesjahr 1849 erscheint Frédéric Chopin als schwindsüchtiger Mensch mit leidendem Mund und zerstörten Gesichtszügen, die schönen Hände wie zum finalen Gebet gekreuzt. Mancher Komponistenkollege hat dieses Bild einer verstörenden Morbidezza später heraufbeschworen: Grieg mit seiner fiebrigen Etüde Hommage à Chopin, Tschaikowsky in der taumelnden Fröhlichkeit seiner Mazurka Un poco di Chopin oder der Amerikaner Samuel Barber im Nocturne op. 33, das mit seiner süßlichen Chromatik schon 1959 völlig aus der Zeit fiel.

Diese und weitere Chopin-Hybriden wie die Variationen des Katalanen Frederic Mompou mit ihrem benebelnden harmonischen Chloroform hat der junge Klaviergenius Daniil Trifonov jetzt auf seiner neuen Doppel-CD vereint. Der 26-jährige Russe aber ist kein Kitschbruder, sondern hält diesen späten Chopin Evocations einen ganz anderen Chopin entgegen ‒ einen jungen, vitalen, aufbruchslustig Gestimmten. Geradezu umwerfend das Rondo op. 73 für zwei Klaviere: Trifonov spielt es zusammen mit seinem einstigen Lehrer, dem Armenier Sergei Babayan, so delikat, witzig und uneitel, dass man in der harmlosen, aber unverschämt virtuosen Salonbelustigung mehr Musik spürt als in manch hochfliegendem Meisterwerk.

Es folgen die beiden Klavierkonzerte, ebenfalls aus der frühen Warschauer Zeit vor der Flucht des Komponisten nach Paris. Wie Relikte aus einer bürgerlich-galanten Welt wirken sie, und Trifonov belebt sie mit der ganzen übersinnlichen Feinheit seines Anschlags ‒ nie grob, nie schaustellerisch, sondern schwebend, tänzelnd, sprechend, mit einem gewissen noblen Understatement, wie ein Edelmann.

Dieser Chopin kreist so selig um sich selbst, dass er eigentlich keine Orchesterbegleitung bräuchte. Um die Konzerte trotzdem schmackhaft zu machen, hat Mikhail Pletnev, der auch das Mahler Chamber Orchestra dirigiert, den Orchesterpart überarbeitet, die Bläser aufgewertet, das ermüdende Streicherbeet mehrfach durchgeharkt und sogar Teile des Klavierparts dem Orchester übergeben. Klingt vielversprechend, wirkt im Ergebnis aber unentschieden: zu individuell, um nur als Retusche durchzugehen, zu unpersönlich, um als kreative "Relektüre" vor Chopin zu bestehen.

Daniil Trifonov & Sergei Babayan, Mahler Chamber Orchestra, Mikhail Pletnev: "Chopin Evocations" (DG)