Ende 1875, fünf Jahre vor seinem Tod, bekam der alte Gustave Flaubert einen Brief, der ihn ins Herz getroffen haben muss. "Du wirst bestimmt Trostlosigkeit schaffen und ich Tröstung", schrieb ihm seine Freundin George Sand über sein und ihr aktuelles Schreiben. "Du machst die Leute, die Dich lesen, trauriger. Ich dagegen möchte sie weniger unglücklich machen. (...) Ich weiß, Du missbilligst das Eingreifen der persönlichen Meinung in die Literatur. Hast Du recht? Ist es nicht eher Mangel an Überzeugung als ästhetisches Prinzip?"

Hatte Flaubert recht? Oder George Sand? Nie konnte man dieser Frage so genau nachgehen wie in der Ausgabe von Flauberts letztem vollendeten Buch Drei Geschichten, mit welcher der Hanser Verlag und Elisabeth Edl in den französischen Buchmesseherbst ziehen. Außer einer glänzenden Neuübersetzung, reichhaltigen Anmerkungen und einem fabelhaften Nachwort bietet der Band mit einer Briefauswahl auch einen genauen Blick in Flauberts ästhetischen Kampf mit sich selber.

George Sand hatte den Punkt getroffen. Flaubert saß in jenen Jahren an einem Buch, das er erkennbar als eine Art künstlerisches Testament anlegen wollte. Eine Sammlung von drei kurzen Erzählungen, keine mehr als fünfzig Seiten, in der die drei großen Bereiche seiner Romankunst in erzählerischer Verkleinerung nochmals auftauchen sollten. Rückwärts durch die Zeiten wollte er von der Gegenwart übers Mittelalter in die Antike fortschreiten.

In der ersten Geschichte Ein schlichtes Herz, dem Lebensbild einer Dienstmagd, ließ er den psychologischen Erzähler der weltberühmten Madame Bovary noch einmal auftauchen. In der zweiten und dritten lebten die heute eher vergessenen Seiten seiner Erzählkunst wieder auf. Die Legende vom heiligen Julian dem Gastfreien erinnert an den Roman Die Versuchung des heiligen Antonius. Und Herodias ans antike Breitbanderzählen des Romans Salambo.

Vor allem aber folgte Flaubert weiterhin strikt den ästhetischen Prinzipien, die er erstmals in Madame Bovary umgesetzt hatte. Unpersönliches, unbeteiligtes, unparteiliches, unempfindliches Erzählen. Sätze "unveränderlich wie ein guter Vers, ebenso rhythmisch, ebenso klangvoll". Er wollte "die französische Prosa zu einer Schönheit" führen, "von der man sich keine Vorstellung macht". Nie war er so "zufrieden", wie wenn er "eine Seite ohne Assonanzen und Wiederholungen geschrieben" hatte. 

Sie hatte, wie jede andere, ihre Liebesgeschichte erlebt
Gustave Flaubert

Als ihn George Sands Kritik des unpersönlichen Schreibens erreichte, hatte Flaubert gerade Die Legende vom heiligen Julian fertiggestellt, ein Stoff, der mit Blutdurst, Elternmord und mönchischer Einsamkeit nach Schmalz und Anteilnahme förmlich schrie und den Flaubert gerade darum mit strengster stilistischer Askese anging. Manche Seiten wirken, als hätte ein Mitglied des Wiener Philosophenkreises einen Protokollsatz an den anderen gereiht, viele Abschnitte bestehen aus nichts als einem solchen Satz. "Sein Vater und seine Mutter lagen vor ihm, ausgestreckt auf dem Rücken, ein Loch in der Brust" – so viel zum Elternmord. Und doch erzeugt gerade diese Askese durch die Absenz funktionsloser Füllsel die enorme Dichte, die es Flaubert erlaubt, ganz ohne Übergang vom Realistischen ins Fantastische ins Wunderartige zu wechseln.

Sands Vorwurf wollte Flaubert zwar nicht gelten lassen: "Was den Mangel an Überzeugungen betrifft, herrje!, die Überzeugungen ersticken mich. Ich platze vor unterdrückter Wut und Empörung", antwortete er ihr. "Aber in dem Idealbild, das ich von der Kunst habe, darf man, so glaube ich, nichts zeigen von seinen Überzeugungen, und der Künstler darf in seinem Werk nicht stärker in Erscheinung treten als Gott in der Natur."

Aber ein Stückchen der angemahnten Tröstung hat er seinen Lesern dann doch gegeben. Genau genommen tröstete er sie sogar dreifach. Erst gab er Julian, der eben noch vor Schwäche nicht einmal das Wort "Gnade" rufen konnte, einen in den Quellen so nicht vorgebildeten gnädigen, versöhnlichen erhebenden Tod. Und als reiche es nicht, Julian "von Angesicht zu Angesicht mit Unserem Herrn Jesus Christus in den Himmel" aufsteigen zu lassen, gab er auch der Dienstmagd Félicité aus Ein schlichtes Herz im letzten Abschnitt einen erfüllten Tod im Angesicht des Heiligen Geistes. Dass sie dabei ihren geliebten ausgestopften Papagei mit dem Heiligen Geist verwechselte, meinte Flaubert "kein bisschen ironisch, sondern im Gegenteil sehr ernst und sehr traurig. Ich will Mitleid erregen, die empfindsamen Seelen zum Weinen bringen – denn ich bin selber eine."

Der dritte tröstliche christliche Tod beschließt die komplexeste, aufregendste Erzählung dieses Bandes. Tröste dich!, heißt es auf der letzten Seite in wörtlichem Anschluss an George Sands Ausdruck. "Er (i. e. Johannes der Täufer) ist hinabgestiegen zu den Toten und verkündigt Christus!" Auf die "Revolte gegen Gott", welche die ersten beiden Erzählungen durchzog, folgt hier nun die Revolte der Gottesgläubigen gegen die Mächte des Status quo. Diese dritte Geschichte erzählt die Ereignisse des Tages, an dessen Ende Johannes der Täufer enthauptet wird. Im Verlies stößt Johannes seine Befreiungsbotschaften aus, und gegen das Burgtor donnern die Schläge seiner Anhänger. Am Ende ist Johannes tot, aber die Revolte der Christen steht vor ihrem Sieg.

Als Privatmann hasste Flaubert das Christentum und die Kirche. Aber als Künstler hat er ihnen in seinen letzten drei Texten dreimal das letzte tröstliche Wort gegeben. Solch eine Revolte gegen sich selber ist für einen Künstler nicht das schlechteste Testament.

Gustave Flaubert: Drei Geschichten. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl; Hanser Verlag, München 2017; 320 S., 28,– €