Frau Gminder ist 72 Jahre alt und siebenfache Großmutter. An einem Tag im Herbst 2017 beginnt in Berlin ein neues Kapitel in ihrem Leben. Für den Start in ihre späte Karriere hat sie ein pinkfarbenes Kostüm angezogen und sich eine pinkfarbene Schleife ins grau gesträhnte Haar geflochten. Franziska Gminder, die sie daheim "Sissi" nennen, legt die Hände flach auf den Tisch und blickt konzentriert nach vorn. Durch die Glastür des Saales kann man sie in den folgenden zweieinhalb Stunden beobachten. Franziska Gminder schaut aufmerksam zu den Fraktionsvorsitzenden, sie klatscht, wenn die anderen klatschen, hebt die Hand, wenn die anderen die Hand heben, blättert in Akten, schweigt meist. Ein pinkfarbener Punkt zwischen vielen grauen Anzügen.

In der Mittagspause huscht sie zum Buffet, wo die anderen zusammenstehen, sich neugierig austauschen und Interviews geben. Sie selbst zieht sich mit einer Gulaschsuppe in den Sitzungsraum zurück. Nein, sie möchte nicht über ihren Erfolg reden. Fast verschüchtert wirkt sie, erstaunt, dass sie hier ist: in der Hauptstadt, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, erster Stock. Die erste Sitzung der AfD-Fraktion.

Franziska Gminder ist jetzt tatsächlich Bundestagsabgeordnete. Ihre Partei hatte sie weit hinten auf die Landesliste gesetzt, aber dann haben sehr viele Menschen in Baden-Württemberg für die AfD gestimmt, vor allem in Gminders Heimatstadt Heilbronn.

Ausgerechnet Heilbronn. Hier erhielt die Partei 16,4 Prozent der Stimmen. Weit mehr als im Bundesdurchschnitt.

In den Tagen nach der Wahl wurden viele Geschichten über die AfD erzählt; fast immer waren es Geschichten vom Rand. Sie spielten weit im Osten, in Sachsen und Vorpommern, wo viele Menschen vom Gefühl erzählen, vergessen worden zu sein in all den Jahren seit der Wiedervereinigung. Sie spielten tief im Westen, im Ruhrgebiet, wo Städte mit den Kohlegruben und Stahlwerken auch ihren Stolz verloren. Sie spielten auch im Süden, in Niederbayern, wo sich Gemeinden alleingelassen fühlten, als jeden Tag Tausende Flüchtlinge über die Grenze kamen.

Sie spielten nicht in Heilbronn. Denn hier, im ruhigen, reichen Winkel der Bundesrepublik, sprach auf den ersten Blick wenig für einen Erfolg der AfD. Aber das täuscht.

Vier Tage nach der Bundestagswahl hat Oberbürgermeister Harry Mergel eine angenehme Aufgabe. Mergel, 61, seit 43 Jahren in der SPD, steht in der Aula des Bildungscampus von Heilbronn an einem Mikrofon und begrüßt 420 Stadtplaner, angereist aus halb Europa, um darüber zu diskutieren, was eine gute Stadt ausmacht. Einen Ort, der das Leben besonders lebenswert sein lässt. Ein renommierter Stadtplaner aus Potsdam wird eine Rede halten und Mergels Stadt überschwänglich loben: "Ich bin mir sicher, wenn Sie nach Hause gehen, werden Sie sagen: Macht es wie Heilbronn!"

Nach dem Krieg bekam das zerbombte Heilbronn das gleiche unscheinbare Wiederaufbau-Gesicht wie so viele Orte in Westdeutschland. Dann aber geschah etwas, das sich anhört wie ein Märchen: Es kam ein reicher Mann und verschönerte die Stadt. Der Mann ist der Lidl-Gründer Dieter Schwarz, ein Milliardär, der Millionen spendete. Mehrere Hochschulen wurden gegründet, Forschungsinstitute eröffnet, ein Wissenschaftsmuseum wurde gestiftet, eine Akademie für Erzieher eingerichtet. Nicht nur, aber auch dank dieses Geldes blühte die Stadt auf. Eine hochmoderne Kunsthalle wurde gebaut, 2019 kommt die Bundesgartenschau.

Spaziert man heute durch Heilbronn, fühlt man sich mancherorts, als wandle man durch wahr gewordene Architektenträume. Klare Linien, weite Plätze mit Rasenflächen, Stadtmenschen mit Aktentaschen, wie Modellbaufiguren auf saubere Treppenstufen drapiert.

Und diese Leute haben die AfD gewählt?

Am Mittag sitzt der Oberbürgermeister im Ratskeller über einer Schüssel Böckinger Feldgeschrei. So nennt sich die lokale Spezialität, ein Eintopf. Mergel schiebt den Teller zur Seite, um Platz zu schaffen für die Papiere, die er mitgebracht hat. Tortendiagramme, Tabellen, Stichpunkte. Es sind Zahlen, die zeigen sollen, wie gut es seiner Stadt geht. Und wie viel sie hier richtig gemacht haben in den vergangenen Jahren.

Statistisch gesehen ist Heilbronn mit seinen 121.000 Einwohnern ein kleines Paradies.

Das Pro-Kopf-Einkommen: 41.000 Euro netto, so hoch wie in keiner anderen deutschen Stadt.

Die Arbeitslosenquote: 5,3 Prozent, nahe der Vollbeschäftigung.

Die Kriminalitätsrate: 4.191 Straftaten pro 100.000 Einwohner – im Durchschnitt sind es 5.599 in Baden-Württemberg, dem sichersten deutschen Bundesland.

Begeistert erzählt der Bürgermeister, was sie sich in Heilbronn alles haben einfallen lassen: die Kindergartengebühren abgeschafft, Ganztagsgrundschulen eingeführt, die Flüchtlinge, es waren im vergangenen Jahr 1200, dezentral untergebracht.

Müsste man sich eine Stadt ausmalen, in der die AfD keine Chance hätte, man würde auf Heilbronn kommen.