Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer untersucht seit 35 Jahren ein Phänomen, das er "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" nennt. Seit Langem stellt er fest, dass sie sich in Deutschland immer weiter ausbreitet. Es seien "emotional ausbeutbare Signalereignisse" wie die Flüchtlingskrise und die Kölner Silvesternacht, die diese Entwicklung befeuern und die von Parteien wie der AfD genutzt werden.

Menschenfeindlichkeit, die Abwertung und Diskriminierung schwacher Gruppen, erklärt Heitmeyer, hängt mit einer gefühlten Unsicherheit zusammen – mit der Angst vor einem Status- und Prestigeverlust und vor Konkurrenz durch Minderheiten. Die objektiven Fakten – ob jemand Arbeit hat, eine Wohnung, Geld – sind dabei gar nicht so wichtig. Das hohe Pro-Kopf-Einkommen von Heilbronn, die niedrige Arbeitslosenquote, die gute Kriminalstatistik: alles egal. All die schönen Statistiken seien wenig aussagekräftig, sagt Heitmeyer, "das hat mit dem Alltag der Leute wenig zu tun". Wichtig sei etwas anderes, das erst einmal viel weniger griffig klingt als die Zahlen aus dem Statistischen Bundesamt: ein wahrgenommener Kontrollverlust.

Die Ankunft von einer Million Migranten kann als Kontrollverlust empfunden werden. Das Gefühl, dass gesellschaftliche Gruppen, denen man sich selbst nicht zugehörig fühlt, den Wertekanon prägen. Und sogar die Krise der Autoindustrie. Gut möglich, dass die deutsche Ingenieursseele in Heilbronn verunsichert und verletzt ist. Dass sich der westdeutsche Mann gar nicht so sehr unterscheidet vom ostdeutschen, dem derzeitigen Nachrichtenobjekt.

Fast alle bisherigen Erklärungen für den Erfolg der AfD gehen vom Spezialfall aus. Den gebrochenen Ost-Biografien, den gescheiterten Stadtvierteln im Ruhrgebiet. Das Markante am Aufstieg der AfD sind aber nicht die 35,5 Prozent der Stimmen, die sie in der Sächsischen Schweiz bekam, oder die 17 Prozent in Gelsenkirchen. Das Markante ist, dass sie fast nirgendwo in Deutschland wirklich schlecht abschnitt. Dass sie auch dort gewählt wurde, wo das Land, zumindest äußerlich, gesund ist.

Auch in Heilbronn wird Unsicherheit in Wut verwandelt, die sich selten nach innen richtet. Niemand sagt: Warum hat unsere Industrie beim Diesel betrogen? Und wieso haben die Chefs so wenige Ideen für die Zukunft? Der Groll richtet sich nach außen, ganz gleich, wie gut es den Menschen geht, wie viel sie besitzen – und wie viel sie verlieren.

Im Leben eines Menschen geht es nicht um Zahlen, es geht um Gefühle. Auch Menschen, denen es heute in Zahlen gemessen gut geht, können dem Morgen mit Bangen entgegensehen. So wird die AfD besonders stark von Männern mittleren Alters gewählt: Menschen, die mitten im Berufsleben stehen. Menschen, die Verantwortung für ihre Familien tragen. Sie blicken auf die Zukunft ihrer Kinder – und auf die eigene Rente. Beides erscheint ihnen gefährdet.

Es ist nicht klar, was genau die AfD für Menschen wie die Audi-Arbeiter in Heilbronn tun könnte. Die Globalisierung stoppen? Den Klimawandel aufhalten? Den Tüftlern im Silicon Valley das Tüfteln verbieten? Wenn die AfD an die Regierung käme, könnte sie nicht mal die Elektro-Entscheidung der Chinesen rückgängig machen.

Dafür hat die AfD etwas anderes anzubieten. Ein Gefühl. Das Gefühl, gesehen zu werden.

An einem Nachmittag schreitet Gero Meier durch die Heilbronner Innenstadt, breitbeinig wie ein Sheriff. Er ist Kickboxtrainer bei den "Thaibulls Heilbronn", ein gut trainierter Mann mit grauem Vollbart, 50 Jahre alt, 1,91 Meter groß, 105 Kilo schwer, der Oberkörper unter dem schwarz-weiß karierten Hemd tätowiert mit chinesischen Zeichen, Schlangen und Drachen; die Motive sind auf seiner Facebook-Seite zu besichtigen.

Als Meier den zentral gelegenen Kiliansplatz überquert, wirkt er gelassen wie ein Mann, der weiß, dass er mit einem Faustschlag fast jedes Problem lösen könnte. Sein Blick heftet sich auf die Treppenstufen der Kirche am Platz. Sie sind ein Treffpunkt für junge Flüchtlinge, hier gibt es freies WLAN. Manchmal sitzen dort 60 Flüchtlinge, heute sind es etwa 15. Schmale junge Männer mit dunkler Haut und dunklen Haaren, sie daddeln auf ihren Handys. Diese Männer sind es, vor denen Meier seine Heimat beschützen will, sein "ehemals ruhiges Städtle", wie er sagt. Denn die Bürger der Stadt sind in Gefahr, findet Meier. Und der Staat tut nichts. Jedenfalls nicht genug.

In Heilbronn, sagt Meier, wurden ein Mann und seine fünf Freunde krankenhausreif geschlagen. Von einer Gruppe von 20 Flüchtlingen.

In Heilbronn, sagt Meier, wurde eine Frau verfolgt und belästigt. Von einem Flüchtling.

In Heilbronn, sagt Meier, wurde mitten in der Stadt am helllichten Tag eine Frau vergewaltigt. Von einem Flüchtling.

Geht man mit Meier durch die Stadt, hat er viele solcher Geschichten zu erzählen. Manche haben sich tatsächlich zugetragen. Bei anderen ist der Wahrheitsgehalt nicht nachprüfbar.

Der Mann, der in der Gruppe verprügelt wurde? Sei ein Freund von ihm, sagt Meier.

Die Frau, die verfolgt und belästigt wurde? Trainiere in seinem Studio, sagt Meier.

Die Frau, die mitten in der Stadt vergewaltigt wurde? Eine wahre Geschichte. Ein Iraker wurde für die Tat verurteilt.

"Ich möchte niemanden unter Generalverdacht stellen", sagt er, "aber seit die Asylanten vor zwei Jahren kamen, ist hier alles anders."

Tatsächlich ist die Zahl der Straftaten, die in Heilbronn von Flüchtlingen begangen wurden, 2016 gegenüber dem Vorjahr um 52,4 Prozent gestiegen. Eine Zahl, die Meiers Sicht auf die Stadt bestätigt, einerseits. Andererseits sagt ein Mitarbeiter der Heilbronner Polizei, Flüchtlinge seien meist junge Männer – und die seien in der Kriminalstatistik eben immer stark vertreten.