Es war der Tag, an dem der Sommer zu Ende ging. Eine Wolkenwand schob sich über Montparnasse, eine Drohung von Regen, gegen die der Löwe von Belfort am Place Denfert-Rochereau sich schwer und grollend zu erheben schien, auf seinen bronzenen Tatzen. Belfort, Symbol französischer Tapferkeit und Verzweiflung. Die Festung Belfort war von den Preußen 103 Tage lang belagert worden. Kapitulation am 16. 2. 1871. Der Anfang vom Ende, der Deutsch-Französische Krieg war das Vorspiel für Schlimmeres, was aus Deutschland kommen würde, über Frankreich und die Welt – der Erste Weltkrieg, der Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland, vor denen die Großmutter der Autorin Hélène Cixous, eine Jüdin aus Osnabrück, floh. Rosie Klein, geborene Jonas. Omi. Sie floh nach Algerien, 1938, nach Oran, zu ihrer Tochter, die ein Jahr zuvor eine Tochter bekommen hatte, Hélène, vor jetzt 80 Jahren.

Man wird Hélène Cixous fragen müssen, wie sich das mischt in ihr, das ewig schreckliche Deutsche, das Französische, in dem sie seit so Langem beheimatet ist, und natürlich, wie viel in ihr ist aus diesem Algerien, wo sie aufwuchs, die ersten 17 Jahre, wie viel vom Meer, von der gleißenden Sonne, wie viel Orient in ihr ist.

Die Tür geht auf, in einer Wohnung, die oben in einem der hohen Häuser liegt. So viel Licht. Man möchte lachen. Die Antwort auf eine noch nicht gestellte Frage! Hier ist alles Farbe, gelb, orange, blau und grün. Bunt gewebte Kelims, Kissen aus Seiden. Und sie steht da, Hélène Cixous, eine winzige Gestalt, das Gesicht scharf gezeichnet. Haare wie kurzes Gefieder. Darauf eine bestickte Kofia, eine Art von Pillbox für den muslimischen Herrn.

Hélène Cixous ist eine der eminenten Intellektuellen Frankreichs. Autorin von über 30 Büchern. Romane, die mit Sprache und Form experimentieren, Theorie, Literaturkritik. Legendär ihre Kooperation mit Jacques Derrida, ein poststrukturalistisches Experiment als Pas de deux, das in den sechziger Jahren begann und andauerte bis zum Tod des Philosophen im Jahr 2004. Und natürlich die Zugehörigkeit zum Théâtre du Soleil ihrer Freundin Ariane Mnouchkine. Cixous schreibt für das Théâtre legendäre Stücke, seit nun vier Jahrzehnten, darunter das neunstündige Opus über Norodom Sihanouk, den letzten König von Kambodscha, 1985, und im letzten Jahr, 2016, das neue Stück über Indien.

Cixous ist Mitbegründerin der Europäischen Universität von Vincennes, Leiterin der Feministischen Studien. Gastprofessorin in Amerika. Gleich morgen wird sie wieder aufbrechen, sagt sie fast verlegen, zu ihrem 80. Geburtstag veranstaltet die University of New York ein dreitägiges Symposium am Washington Square: Cixousversaire!

Das Lachen der Medusa, erschienen 1975, war eine 40-seitige übermütige Explosion des Feminismus inmitten eines patriarchalen Diskurses. "Ich schreibe dieses als Frau auf die Frauen zu", heißt es in Das Lachen der Medusa. "Wenn ich ›die Frau‹ sage, spreche ich von der Frau in ihrem unvermeidlichen Ringen mit dem klassischen Mann; und von einer Frau die ein universales Subjekt ist und die Frauen zu ihrem/n Sinn/en und ihrer Geschichte kommen lassen soll." Und zwei Seiten später: "Ich schreibe Frau: es ist unerläßlich, daß die Frau die Frau schreibt."

Der Text wirkte wie eine Fanfare, die eine globale neue Frauenbewegung ankündigte. Aus heutiger Sicht wirkt es sehr Rive Gauche. Diese Idee, ein weibliches Selbstbewusstsein im Schreiben zu verankern! Ausgerechnet. Wo der Chefpsychologe Frankreichs, Jacques Lacan, gerade die Schrift als zentralen phallischen Akt definiert hatte. Cixous sah das ähnlich, also fast, nämlich so, dass das Schreiben von einer typisch männlichen libidinösen, kulturellen, also politischen Ökonomie gesteuert wird. Sie nennt es den Ort, wo die Verdrängung der Frau reproduziert wird, genauer, böse: "einen Schweigeort". Noch besser, Cixous nimmt das klassische Bild, in dem sich der Horror des Mannes vor der kastrierenden Frau verdichtet in der Vorstellung eines von phallischen Objekten umzüngelten Antlitzes – und dreht es um zum Symbol einer weiblichen Freiheit. Frech, übermütig. Es ist, als habe man auf sie gewartet.

Da ist jetzt ein neuer Ton. "Wir die zu früh Gekommenen, wie die von der Kultur Verdrängten, die schönen Münder von Knebeln verbarrikadiert, Blütenstaub, Atem durchgetrennt, sie die Labyrinthe, die Leitern, die mit Füßen getretenen Räume, wir die Bestohlenen – wir sind 'schwarz' und wir sind schön."