Die Amerikaner Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young erhalten in diesem Jahr den Medizin-Nobelpreis für ihre Grundlagenforschung über circadiane Rhythmen, besser bekannt als "innere Uhr". Damit beschäftigt sich auch Till Roenneberg am Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

DIE ZEIT: Herr Roenneberg, wo genau im Körper wirkt die innere Uhr denn auf uns?

Till Roenneberg: Es gibt nichts in unserem hochkomplexen Körper, bei dem die innere Uhr keine Rolle spielt.

ZEIT: Dann ist sie also für alle Vorgänge im Körper verantwortlich?

Roenneberg: Nein, sie ist für nichts direkt verantwortlich, nicht in dem Sinne, dass sie selbst etwa Hormone ausschüttet. Aber sie sagt den Organen, die das tun: "Tue das nicht jetzt, sondern erst in zwölf Stunden." Oder: "Mach das jetzt besonders intensiv." Oder auch: "Jetzt brauchen wir es nicht unbedingt, warte noch."

ZEIT: Können Sie ein Beispiel nennen?

Roenneberg: Die innere Uhr muss das gesamte Schlaf-Wach-Verhalten regulieren, also auch die Stoffwechselvorgänge. Wenn wir schlafen, sind wir acht Stunden nüchtern, das heißt, der Körper muss den Stoffwechsel umstellen – so etwas muss ja reguliert werden.

ZEIT: Klingt nach viel Koordinationsaufwand.

Roenneberg: Das ist es auch. Alle Zellen in unserem Körper, ob in der Leber, im Herzen, im Gehirn, in den Muskeln, in der Haut, haben innere Uhren. Und die müssen aufeinander abgestimmt werden, damit der Stoffwechsel optimal ablaufen kann. Das tagesrhythmische Verhalten zu steuern, also den Körper optimal auf diese Tagesrhythmik abzustimmen, das ist die wichtigste Aufgabe der inneren Uhr.

ZEIT: Könnten wir nicht auch ohne innere Uhren in jeder einzelnen Zelle auskommen?

Roenneberg: Der Körper baut sich so seinen eigenen Tag, und der wird mit dem Außentag synchronisiert, mit Tag und Nacht also. Nur so schafft er es, sich nicht bloß auf bestimmte Anforderungen einzustellen, sondern sie sogar vorauszusagen.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Roenneberg: Der Körper wird zum Beispiel auf diese Weise nicht überrascht davon, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Sonne aufgeht. Die innere Uhr sagt es weit voraus, und der Stoffwechsel kann sich dementsprechend darauf einstellen.

ZEIT: Nach welchem Rhythmus funktionieren unsere inneren Uhren eigentlich?

Roenneberg: Es gibt sehr wenige Menschen, deren "Innentag" kürzer ist als 24 Stunden, bei den meisten Menschen ist er länger. Im gesunden Menschen und unter normalen Bedingungen ist jede innere Uhr allerdings auf etwa 24 Stunden gestellt.

ZEIT: Das klingt so, als richteten wir uns nicht genügend nach der inneren Uhr. Sollten wir früher schlafen gehen, als wir es tatsächlich tun?

Roenneberg: Allein früher schlafen zu gehen hilft nichts. Wir schaffen uns viel größere Probleme, indem wir die sogenannten Zeitgeber weitgehend ausschalten. Die Zeitgeber sind die Signale, die das Steuerzentrum der inneren Uhr im Gehirn synchronisiert, und dieses stellt wiederum die Uhren in den Organen und einzelnen Zellen. Licht und Dunkelheit sind die wichtigsten Zeitgeber. Nun ist es bei uns aber fast nie richtig dunkel, außer in der Zeit, in der wir schlafen. Und wir erleben nur selten richtige Helligkeit, weil wir so wenig draußen sind.

ZEIT: Welche Folgen hat das?

Roenneberg: Es führt dazu, dass die innere Uhr bei den allermeisten Menschen zu spät dran ist. Wir können daher nicht rechtzeitig einschlafen und werden am Morgen vom Wecker aus dem Schlaf gerissen, um rechtzeitig zur Arbeit oder zur Schule zu gehen. Das ist nicht Faulheit, sondern die Schuld unserer inneren Uhr.

ZEIT: Wir setzen uns also nicht über unsere innere Uhr hinweg, sondern unsere innere Uhr ist aus dem Takt geraten, und nach diesem neuen Takt richten wir uns?

Roenneberg: Genau. Kennen Sie Menschen, die während eines spannenden Krimis einschlafen?

ZEIT: Ja, das geht mir selbst manchmal so.

Roenneberg: Dann gehören Sie vielleicht auch zu denjenigen, die früher dran sind, deren innere Uhr sie nicht wach hält um diese Zeit. Das sind die sogenannten Frühtypen. Umgekehrt ist es bei Jugendlichen, die in der Stadt leben, wo es ständig hell ist. Wenn Sie denen sagen, sie sollen um zehn Uhr ins Bett gehen, tun die das vielleicht, aber sie schlafen nicht vor Mitternacht ein.

ZEIT: Weil die innere Uhr nicht richtig funktioniert?

Roenneberg: Die funktioniert schon richtig, sie ist nur wegen unserer modernen Lichtumgebung viel zu spät dran.

ZEIT: Und wenn sie nicht verstellt wäre?

Roenneberg: Dann wären die Menschen deutlich früher müde, könnten früher einschlafen und bräuchten am Morgen keinen Wecker. So wie kleine Kinder das ja auch tun, deren innere Uhr sehr viel früher dran ist. Sie zeigen das dann eindeutig. Die innere Uhr gibt ihnen ein Zeichen, und sie sagen dann: "Ich will jetzt ins Bett, mir reicht’s!"