Ein Feldweg irgendwo in Österreich, im Hintergrund fließt träge die Donau vor sich hin, und Oliver N. ist plötzlich wieder in Syrien. Er kauert auf dem Boden, die Hände schützend über dem Kopf. In diesem Moment ist alles zurück: die Bombe, dieses fiepende Geräusch im Ohr, sein Blut, überall dieses Blut. Er richtet sich langsam auf. "Hier", sagt er, zieht sein T-Shirt hoch und deutet auf den Unterbauch, "hingen meine Gedärme raus." Er zeigt das vier Zentimeter tiefe Loch neben der Wirbelsäule, die Stelle an der Schulter, in der bis heute ein Teil der Bombe steckt. Eine Niere hat er verloren, die Milz auch, einen Teil der Leber. Auf dem linken Auge wird er womöglich für immer blind bleiben. Oliver N., 19 Jahre alt und österreichischer Staatsbürger, präsentiert seine Kriegsverletzungen. Er ist ein Opfer. Er ist ein Täter. Mit 16 wurde er Mitglied in der Terrorgruppe "Islamischer Staat".

Wenn ein Kind zum Terroristen wird, liegt eine einfache Frage auf der Hand: Wie konnte das nur passieren? So einfach wie die Frage ist die Antwort bloß leider selten. Oliver N. hat sich ihr nun in einem Buch angenähert. Meine falschen Brüder erscheint in dieser Woche bei Kiepenheuer & Witsch. Es ist ein Lehrstück über die Verführbarkeit junger, haltloser Menschen und die zerstörerische Kraft eines Versprechens. Ein selten tiefer Einblick in den Alltag einer abgeschotteten Welt, aus der sonst nur Bilder von martialischen Kriegern und Massenhinrichtungen nach außen dringen.

Die Sonne ist erbarmungslos an diesem Spätsommertag in Österreich, und sobald sie in das Gesicht von Oliver N. fällt, flieht er hastig. Damals, als er in Syrien ankam, gerade 16 Jahre alt, die Haut weiß wie Papier, hatte es in dem ihm zugeteilten Haus keine freie Matratze mehr gegeben. Er musste auf dem Dach schlafen. Nach wenigen Tagen schon war sein Gesicht komplett verbrannt, "ich sah aus wie eine leuchtend rote Ampel". Es ist einer dieser Sätze, die es immer wieder geben wird in dem Gespräch mit Oliver N., Sätze, die einen zucken lassen. Manchmal klingt er, als wäre er auf einer Ferienfreizeit gewesen. Die brutale und die banale Seite des Dschihad, darüber erzählt er gern und lang. Wenn es um seine Kindheit geht, wird er schmallippig.

Oliver N. wächst in den 1990er Jahren in der Nähe von Wien auf. Die Mutter Alkoholikerin, der Vater bald über alle Berge. Mit fünf kommt er ins Heim, mit zehn mal für ein Jahr zurück zur Mutter, dann wieder ins Heim, ein Drehtür-Leben. Von außen betrachtet erscheint dieses Leben dennoch nicht besonders isoliert. Mit den Betreuern im Heim versteht er sich gut, er hat Freunde, findet nach dem Schulabschluss mit gerade 15 eine Lehrstelle bei den Wiener Städtischen Versicherungen. Oliver verdient sein eigenes Geld, eigentlich läuft es gut, besser, als man je hätte erwarten können.

Nach seiner Rückkehr aus Syrien musste sich N. wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vor Gericht verantworten. Die Psychiaterin Gabriele Wörgötter, die ihn im Rahmen dieses Prozesses begutachtete, nannte die Verhältnisse, in denen er aufgewachsen sei, "äußerst desolat". Sie hätten ihn halt- und bindungslos zurückgelassen, entwicklungsgestört, entwurzelt. Die radikale Ideologie der Islamisten habe ihm schließlich genau das versprochen, wonach er sich so sehr sehnte: Halt, Anerkennung, Gemeinschaft. Und sie hatten noch ein Versprechen, das vielleicht gefährlichste überhaupt, das Versprechen vom Paradies.

In seinem Buch hat Oliver N. fast allen handelnden Personen falsche Namen gegeben, vor allem aus Angst vor Rache – über viele hat er bei der Polizei ausgepackt. Den Mann, der ihn verführte, der ihm all das gab, den Halt und die Anerkennung, der ihm das Paradies immer und immer wieder versprach: Ihn nennt er "Mohammed". Der Cousin eines Schulfreundes, sie waren sich öfter begegnet. Und dann, Zufall bloß, treffen sie sich in der U-Bahn, Small Talk, Mensch, lange nicht gesehen, lass uns mal wieder was machen. Schon wenige Tage später sitzen sie stundenlang in einem türkischen Imbiss zusammen.