Omid Nouripour ist ein Bundestagsabgeordneter der Grünen, der in Machtfragen wenig zu sagen hat, und Christian Schmidt gehört als Landwirtschaftsminister zwar noch der aktuellen Regierung an, doch er schweigt, wenn die wirklich Wichtigen reden. Die beiden trafen sich vergangene Woche im Café Einstein in Berlin-Mitte, jenem Ort, den Politiker aufsuchen, wenn sie öffentlich bestaunt werden wollen. Die Twitter-Gemeinde fuhr angesichts des Frühstücks der zwei ihren Erregungspegel schlagartig hoch und verkündete fiebrig: "Jamaika in Sicht."

Die Rheinische Post berichtete dieser Tage mit großem Pomp, Grüne und FDP hätten sich bereits über die Verteilung der Ministerien in einer schwarz-gelb-grünen Koalition geeinigt – und musste dann kleinlaut zurückrudern, als sich herausstellte, dass das Treffen, bei dem scheinbar so munter aufgeteilt wurde, gar nicht stattgefunden hat.

Daniel Günther war bis zum 24. September deutschlandweit so bekannt wie Eckernförde in Burkina Faso. Jetzt wird der Christdemokrat, der dank einer Jamaika-Koalition vor gut drei Monaten zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein aufstieg, herumgereicht als moderner Alchemist, der den Stein der Weisen entdeckt hat. Wie verwandelt man drei eigentlich unvereinbare politische Kräfte in eine funktionierende Koalition? Wenn das einer weiß, dann Günther: So schnell wie er ist noch niemand vom Nobody zum Wundermann aufgestiegen. Seine Botschaft: Im Bund ist alles anders.

Zehn Tage nach der Bundestagswahl herrscht in Deutschland hysterischer Stillstand. Wer kann mit wem, wer zieht welche rote Linien, wer beharrt auf welcher Trendwende, wie passen Law and Order und innere Liberalität zusammen, wie ökologische Erneuerung und marktwirtschaftliches Update, wie rechte Flanke und linkes Bewusstsein, wie Grüne und Gelbe, Merkel und Seehofer? Aus dem wilden Gewusel um diese Fragen resultiert die Hysterie – und der Stillstand aus dem Warten auf den 15. Oktober. Bevor die Niedersachsen nicht ihren Landtag gewählt haben, passiert in Berlin nichts, zumindest nicht auf offener Bühne. CDU und CSU müssen sich erst grundlegend neu sortieren, bevor sie mit Grünen und der FDP sondieren können. "Das Irre ist", räumt ein Christdemokrat ein, "dass wir gerade die Irren sind."

In dieser Phase des hysterischen Stillstands machen sich die vier ungleichen Partner hinter den Kulissen daran, den Himmel über Jamaika auszumalen. Sie suchen nach einem Band, nach einem tieferen politischen Sinn, der eine Koalition der Gegensätze einerseits zusammenbindet – und der andererseits die jeweilige eigene Identität kenntlich macht. Allen ist dabei klar: Jamaika wird nur Wirklichkeit werden, wenn der Himmel darüber bunt erstrahlt. Trägt er am Ende das Grau des kleinsten gemeinsamen Nenners, wird das Bündnis scheitern; wenn nicht bereits bei den Mitgliederentscheiden von Grünen und Freidemokraten über einen Koalitionsvertrag, dann auf der Wegstrecke hin zur nächsten Bundestagswahl 2021.

Ein Viererbündnis zwingt alle Partner, die Perspektiven zu ändern – gleich mehrfach

In der Union, speziell bei der CDU, wird hinter allen Bedenken der Reiz des Neuen, Unbekannten spürbar. Viele Christdemokraten hatten bereits vor vier Jahren keine Lust auf die Sozis. Wieder eine große Koalition, wieder die weinerlichen Genossen, die über die Ungerechtigkeit der Wähler jammerten, wieder ein Regierungsbündnis, bei dem der Juniorpartner vor allem ein Ziel hatte: nach der nächsten Wahl den Kanzler zu stellen. In einer Koalition des latenten Misstrauens gönnt man sich gegenseitig wenig bis nichts. Bei einem Jamaika-Bündnis, so raunt es aus der CDU, werde es anders sein. Da sich der gelbe oder grüne Nachbar am Kabinettstisch nicht als der kommende Kanzler betrachte, könne man unverkrampfter, großzügiger miteinander umgehen. Jamaika habe die Chance, eine Koalition zu werden, "in der man auch gönnen kann". Voraussetzung dafür: Allen vier Partnern müsse klar sein, dass man die Kernidentität der jeweils anderen nicht angreifen darf. Zum Gönnen tritt der Respekt.

Der Reiz des Neuen besteht auch darin, dass in einem Viererbündnis alle Partner dazu gezwungen sind, die Perspektive gleich mehrfach zu wechseln und vertraute Themen künftig stets auch mit den Augen der anderen zu betrachten. Viele Christdemokraten sehen im multiplen Perspektivenwechsel vor allem eine Chance für ihre eigene Partei. Die CDU, so hoffen sie, werde in einem Jamaika-Bündnis einem Zuwanderungsgesetz zustimmen müssen und damit die zentrale Lebenslüge beenden, wonach Deutschland kein Einwanderungsland sei. Jamaika könnte für manche ein Ort werden, an dem man den Ballast von gestern abwerfen kann.

Die euphorischsten CDUler sehen in dem Bündnis sogar den Geist von Emmanuel Macron wirken. So wie Macron mit seiner En-Marche-Bewegung die verkrusteten Verhältnisse in Frankreich aufgebrochen habe, so könne auch eine schwarz-gelb-grüne Regierung in Deutschland als Aufbruchssignal verstanden werden: Seht her, wir denken ganz neu!