Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

In einem aktuellen Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln heißt es: "Mehrkindfamilien bergen ein enormes volkswirtschaftliches Potenzial an jungen Menschen und verantwortungsbereiten Eltern." Damit sich dieses Potenzial besser entfalten könne, brauche es jedoch deutliche Steuerentlastungen und die Anerkennung der Erziehungsleistung bei der Rente. "Oft braucht die Familie mehr Wohnraum und ein größeres Auto – schließlich ist Familie auch Logistik und Organisation." Wie wahr. Dann lese ich: "Die Familie leistet einen immensen Beitrag für die zukünftigen Rentenkassen, wenn es gelingt, ihre Kinder gut zu bilden und auszubilden. (...) Wenn ein Kind aus einer Mehrkindfamilie einen hohen Bildungsabschluss erreicht, bedeutet das für die Gesellschaft einen Reingewinn von 448.500 Euro."

Wir haben acht Kinder großgezogen, alle haben studiert. Nie hatten wir genug Geld für ein Leben auf dem geltenden Durchschnittsstandard, aber das ist uns kaum aufgefallen. Auch wenn wir uns selten so gefühlt haben, statistisch galten wir als arm. Wir haben uns deshalb nie beschwert, schließlich hatten wir unsere Kinderschar selbst zu verantworten und andere Motive als die "zukünftigen Rentenkassen". Wir lebten außerhalb der geltenden Norm, an der wir, wenn überhaupt, nur im Freundes- und Bekanntenkreis durch unser Beispiel etwas ändern konnten. Wir wussten, dass wir keine Lobby hatten und dass nur der etwas bekommt, der laut um Hilfe schreit. Wir hätten uns geschämt, in diesem eigentlich wohlhabenden Land laut um Hilfe zu schreien. Es gab ein deutliches Unbehagen daran, unsere "Rechte" einzufordern. Diese Rechte, wenn es sie je gegeben hat, waren nicht einklagbar. Das war so etwas Unmessbares wie der Respekt derer, mit denen wir das Land bewohnten. Als ich jetzt dieses IW-Gutachten las, fand ich mich bestätigt in meinem Unbehagen am Aufrechnen und Fordern. Wir hätten unsere Familie zur Brutstätte von "volkswirtschaftlichen Potenzial an jungen Menschen" degradiert, wenn wir uns in diesen Kosten-Nutzen-Zusammenhang begeben hätten.

Wir konnten und wollten unsere Familie nicht an diesem Maßstab messen, denn er stellt alles auf den Kopf: Er misst den Wert von Menschen, als wären sie Mittel der Volkswirtschaft und nicht deren Zweck. Diese Verkehrung gilt als normale Betrachtungsweise, wo das Unmessbare keinen Wert besitzt, solange es nicht bemessen und bewertet wird. Nur die Religionen setzen Maßstäbe, unter denen mein Leben einen höheren Wert besitzt, als mir mein Rentenbescheid suggerieren will. Die Kirche ist die einzige Institution, die mich einen reichen Mann nennt.