In der kommenden Woche wird in Frankfurt die Buchmesse eröffnet. Gut 70.000 neue deutschsprachige Titel werden auch dieses Jahr wieder erscheinen. Die uferlose Herstellung neuer Bücher, im Fachjargon "Ausstoß" genannt, ist nahezu unüberschaubar. Die Frage, wie der Ausstoß und der Leser da noch zueinanderfinden, gehört zu den aktuell unlösbaren Problemen der Druckwarenbranche, zumal nur noch rund 20 Prozent der Deutschen regelmäßig Bücher lesen – eine Zahl, deren Ähnlichkeit mit dem historisch schlechtesten Wahlergebnis der deutschen Sozialdemokratie selbstverständlich rein zufälliger Natur ist.

Auf die Literaturkritik kann man sich in dieser Schicksalsfrage kaum verlassen. Wie viele Jahrhundertwerke wurden von Kritikern verkannt und vernichtet? Beispiel: Marcel Proust. Er fand für den ersten Band seines Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit nicht mal einen Verlag und musste seinem ersten Verleger Bernard Grasset für die Publikation eine hohe Summe zahlen. Als das Buch erschien, wurde es von der französischen Kritik verrissen. Der Pariser Starkritiker und spätere Proust-Biograf Paul Souday schrieb am 9. Dezember 1913, der Roman sei "ebenso maßlos wie chaotisch" und enthalte allenfalls ein paar "kostbare Elemente", die für ein "exquisites kleines Buch" getaugt hätten. Was für eine Katastrophe. So falsch wie der längst vergessene Monsieur Souday lag nicht einmal Marcel Reich-Ranicki, als er ein paar Jahrzehnte später Günter Grass, Martin Walser und Uwe Johnson nach Strich und Faden verriss.

Heute weiß man: Der wohlhabende Proust hatte eine Idee, die alle bekannten Strategien im Kampf um den Leser in den Schatten stellt. Umgerechnet 2000 Euro zahlte der gekränkte Autor für die Platzierung einer günstigen Kritik aus der Feder eines Freundes auf der Titelseite des Journal des débats (Freundschaftskritiken sind ja in Frankreich kein so großes Problem) und 1000 Euro für eine Hymne auf der Titelseite des Figaro – verfasst von Marcel Proust höchstpersönlich, wie neu aufgefundene Briefe an den Grasset-Mitarbeiter Louis Bruns belegen. Sein Roman, schrieb Proust, sei "ein kleines Meisterwerk", das wie ein Windstoß die "einschläfernden Dämpfe" vertreibe, die von den konkurrierenden Romanen der Buchsaison verbreitet würden.

In der Geschichte des Buchmarketings sind 3000 Euro niemals wirkungsvoller angelegt worden. Die brieflichen Zeugnisse der innovativen Kundenwerbung eines erfolglosen Autors aus der Frühzeit der Buchindustrie werden bei Sotheby’s im kommenden Monat in Paris für rund eine halbe Million Euro versteigert.