DIE ZEIT: Herr Reckwitz, Nervosität und Krisenbewusstsein verunsichern die Länder des Westens. Der Rechtspopulismus triumphiert, von Trump bis zur AfD bei den Bundestagswahlen. Was ist momentan los mit der Gesellschaft?

Andreas Reckwitz: Wir haben den Abschied von der klassischen industriellen Moderne, von der wohlgeordneten Industriegesellschaft erlebt. Jetzt leben wir in einer Spätmoderne, mit völlig neuen Strukturen und Konflikten.

ZEIT: Diesen Abschied diagnostizierten aber schon Soziologen in den achtziger Jahren.

Reckwitz: Ja, aber merkwürdigerweise spürt die Gesellschaft diesen Wandel erst jetzt. Niemand kann den jahrzehntelangen Veränderungen mehr entkommen. Die industrielle Moderne hatte ihr goldenes Zeitalter in den wichtigsten Ländern des Westens zwischen 1945 und 1973. Ihr Ideal hat sich tief in die Mentalität eingegraben und ist bis heute präsent.

ZEIT: Was war daran prägend?

Reckwitz: Damals entstand nicht nur in der Bundesrepublik eine "nivellierte Mittelstandsgesellschaft", wie der Soziologe Helmut Schelsky das früh genannt hat. Vor allem setzte sich ein kultureller Konsens durch: Alle verfolgten als Ziel einen ähnlichen Lebensstil, der auf den Lebensstandard ausgerichtet war.

ZEIT: Alle wollten die gleichen Waschmaschinen, die gleichen Autos ...

Reckwitz: Genau. Auch in Amerika wurde man sich sehr ähnlich in einer Nachbarschaft und wollte auch genau das sein: in Konsum und sozialer Kontrolle, ein Mittelschichtstandard für Arbeiter und Angestellte. Man lebte in regulierten Arbeitsverhältnissen. Zwischen Stadt und Land verschwanden die Unterschiede. Und dieses Bewusstsein einer normbildenden Gleichheit schlug sich in der Politik nieder: in Volksparteien, im keynesianischen Steuerungs- und Wohlfahrtsstaat, in Massenmedien und Fernsehkultur.

ZEIT: Üblicherweise taucht in der Erzählung dann der Neoliberalismus auf und begräbt eine glorreiche Epoche.

Reckwitz: Das ist komplizierter. Denn zu diesen Veränderungen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik kamen neue kulturelle Entwicklungen. In den Ländern des Westens vollzog sich eine beispiellose Bildungsexpansion, und es entstand eine neue, universitär gebildete Mittelklasse – der entscheidende Faktor für die Transformation zur heutigen Spätmoderne. Ein Drittel Akademiker – das gab es zuvor nicht; in den fünfziger Jahren war das noch eine winzige Elite von fünf Prozent der deutschen Gesellschaft. Diese große neue Gruppe forciert einen Wertewandel, weg von Normen und Pflichten hin zu Selbstentfaltung und Liberalisierung. Plötzlich wurde die Konformität der bisherigen Gesellschaft attackiert. Das neue, dem entgegengesetzte Ideal war das des gegen Widerstände sich selbst entfaltenden Individuums, eine alte Tradition seit der Romantik. Ein expressives Selbst, das nicht nur einfach den Konventionen folgt. Es ging nicht mehr um Lebensstandard, sondern um Lebensqualität und das "gute Leben". Dieser Begriff steckt auch heute noch im postromantischen Erbe der Selbstverwirklichungsgesellschaft.

ZEIT: Ihr neues Buch Die Gesellschaft der Singularitäten ist eine Generaltheorie unserer Epoche. Was bedeutet Ihr zentraler Begriff "Kulturkapitalismus"?

Reckwitz: Er entstand, weil die Ökonomie sich damals umstellte und sich weiterhin mit der Digitalisierung umstellt. Klassische Industriegüter verlieren an Bedeutung, kulturelle Güter werden im Kulturkapitalismus immer wichtiger. Diese Güter aber erheben den Anspruch auf Einzigartigkeit, entscheidend ist ihr Erlebnis- und Symbolwert. Die Kreativindustrien werden zu Speerspitzen dieses Wandels: IT-Branche, Medien, Design, Musik, Games, Tourismus, Sport. Und oft sind es keine Dinge mehr, sondern Dienstleistungen oder Ereignisse, von Wellness bis zum Tourismus, der zentralen Boombranche der spätmodernen Ökonomie. Genau das wird von der neuen Mittelklasse mit ihrem Selbstverwirklichungsanspruch nachgefragt.