Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Ich bin froh, dass ich in dieser Glocken-Frage keine Entscheidung treffen muss

Metall ist geduldig. Das scheint in besonderem Maße auf Metallgegenstände aus den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zuzutreffen. Denn 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden immer noch regelmäßig Fliegerbomben gefunden und glücklicherweise erfolgreich entschärft. Da diese Bomben bis zu ihrem Fund still unter der Erde lagen, ist es nachvollziehbar, dass es etwas länger dauerte, sie zu finden. Kirchturmglocken hingegen hätte man in den letzten Jahrzehnten durchaus schon mal finden können. Zum Beispiel die 1934 gegossene Glocke, die seitdem im rheinland-pfälzischen Herxheim am Berg zum Gottesdienst in die evangelische Jakobskirche ruft. "Alles fuer’s Vaterland Adolf Hitler" steht da in Großbuchstaben, darunter prangt ein stattliches Hakenkreuz. Und plötzlich schläft Bruder Jakob nicht mehr, sondern ist hellwach. Wie die Pfarrer und Kirchenvorsteher aus dem Saarland oder aus Niedersachsen, die sich mit einem Mal melden, weil auf ihren Glocken auch Hakenkreuze zu finden sind.

Warum jetzt erst?, frage ich mich. War da seit 1945 keiner mehr im Glockenturm, oder hat es nur niemanden genug gestört, dass die Glocken, die zum Gottesdienst rufen, geprägt sind mit einem Zeichen, das wie kein anderes für Faschismus, Antisemitismus und Rassismus steht? In einem Land, in dem jedem klar ist, dass es unter keinen Umständen jemals wieder zu derart menschenverachtenden Verbrechen kommen darf, könnte man solche Glocken hängen und läuten lassen – als Mahnmal. Man müsste jeden Konfirmandenjahrgang und alle Kreise der Kirchengemeinde da durchführen und erklären, wie es dazu kam, dass in Kirchen solche Glocken hängen. Die Inschriften und Hakenkreuze auf diesen Glocken könnten an die Verstrickungen von Kirche und Nationalsozialismus erinnern, damals, als längst nicht jeder ein Bonhoeffer war. Aber was ist, wenn es 72 Jahre nach Kriegsende wieder Politiker gibt, die die Taten der Wehrmacht loben und Menschen anderer Herkunft verachten? Und was ist, wenn diese Politiker und Politikerinnen in den Bundestag gewählt werden, teils trotz, teils gerade wegen ihrer rechten Rhetorik? Kann man angesichts von 12,6 Prozent Wählerinnen und Wählern, die mehr Sorgen vor Einwanderung als vor Hetze haben, noch sorglos Glocken mit Hakenkreuz läuten?

Ich bin froh, dass ich in dieser Frage keine Entscheidung treffen muss. Aber natürlich denke ich darüber nach, was ich wohl täte, wenn ich in absehbarer Zeit als Pastorin das erste Mal den Glockenturm meiner ersten Gemeinde bestiege und eine Glocke mit Hakenkreuz und Hitler vorfände. Ich glaube, ich würde mich dafür einsetzen, den Namen des Diktators und die Haken des Hakenkreuzes abschleifen zu lassen – und nur das Kreuz stehen zu lassen. Denn in meinen Augen gibt es kein Symbol, das mehr zu Liebe, Vergebung und Leben mahnt als das Kreuz.