Selten liest man einen Krimi, in dem zwar sofort klar ist, wer sterben muss, aber in dem es so quälend lange dauert, bis der Mord geschieht. Das offensichtliche Opfer hier, ein junger Computerwissenschaftler namens Edmond Kirsch, ist ein Genie, vielleicht das größte seiner Zeit. Was er auf den Gebieten der Robotik, Nanotechnologie und künstlichen Intelligenz erfindet, ist nicht nur wegweisend, sondern auch elegant. Seine Zukunftsprognosen haben nicht nur eine hohe Trefferquote, sondern auch Humor. Außer für Nerdthemen interessiert er sich leidenschaftlich für das Schöne, ja Spirituelle, namentlich für die visionären Künstler William Blake und Antoni Gaudí. Leider, und das ist das Perfide an Dan Browns neuem bibeldicken Glaubensthriller Origin: Das Mordopfer bleibt einem lange unsympathisch.

An dem Mord kann es nicht liegen. Der ist brutal, und seine Brutalität steht im ausgesuchten Kontrast zu der Bühne, auf der er stattfindet. Denn Edmond Kirsch hat eines der berühmtesten Kunstmuseen Spaniens gemietet, das Guggenheim in Bilbao, um eine Enthüllung zu machen, die die Welt verändern wird. Er plant, seinen Gästen (und per Livestream allen anderen auch) die Antwort auf die letzten Menschheitsfragen zu präsentieren: Woher kommen wir? Und wohin gehen wir? An dieser Antwort sind die Religionsgemeinschaften, also die Hüter des alten Herrschaftswissens über Schöpfung und Ewigkeit, natürlich nicht interessiert. So stellt der Autor es dar.

Ein katholischer Bischof, ein orthodoxer Rabbiner und ein mächtiger Imam treten als Anwälte ihrer eigenen Mysterien auf. Sie warnen Kirsch, mit seinem revolutionären Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen, sie flehen ihn an, es zum Wohl der Menschen für sich zu behalten: Es werde alle religiösen Fundamente erschüttern. Kirsch korrigiert: nicht erschüttern, sondern zerschmettern. Denn er kann beweisen, dass die Lehren sämtlicher Religionen der Welt tatsächlich eine Gemeinsamkeit haben. Sie liegen völlig falsch.

Kein Wunder, dass man diesen jungen Mann nur widerstrebend ins Herz schließt. Was er erforscht hat, mag faszinierend sein, doch seine Art, es anzukündigen, ist Hybris: von jenem Hochmut, der schon in der Antike das Scheitern des tragischen Helden ankündigte. Kirsch trägt seine Religionskritik dick auf. Er begegnet den greisen Religionsführern wie begriffsstutzigen Schülern und findet: "Ihr hattet lange genug Gelegenheit, uns vorzugeben, was wir unter der Wahrheit verstehen sollen."

Diese übertriebene Selbstsicherheit ist als Charakterzug bedauerlich, denn wo Kirsch recht hat, hat er recht: Die konkurrierenden Wahrheitsansprüche der Religionen verursachen nun seit Jahrhunderten blutige Konflikte. Es wäre also durchaus im Sinne des allgemeinen Friedens, wenn ein paar konfliktträchtige Fragen sich abschließend beantworten ließen. Hinzu kommt, dass Kirschs konservative Kontrahenten die Gegenwart ohnehin in apokalyptischen Farben malen, sodass man meint, es sehe im Westen derzeit aus wie auf einem Gemälde von Hieronymus Bosch. Die Schuld geben sie, wie üblich, den "Ungläubigen". So wirft Bischof Valdespino dem Computerwissenschaftler vor: "dass zum ersten Mal in der Geschichte Harvards mehr Atheisten und Agnostiker ein Studium aufgenommen haben als die Anhänger sämtlicher Religionen zusammen!" Kirsch, der auch in Harvard studiert hat, antwortet im Stillen: "Unsere Studenten werden eben immer klüger."

Damit ist der Großkonflikt eröffnet, von dem Dan Browns Bestseller immer leben: Religion gegen Wissenschaft, Glauben gegen Zweifeln, Gefühl gegen Verstand. Darum ging es schon in Illuminati, Sakrileg, Inferno. Der Autor entfaltete den Konflikt vor immer neuer großer Kulisse, zum Beispiel in Rom, Florenz und Paris; und jedes Mal darf die Hauptfigur Robert Langdon, ein Kunstprofessor und Experte für Symbole, sich als Ermittler betätigen. Diesmal wendet Langdon seine Spezialkenntnisse auf geschichtsträchtige Orte Spaniens an: Bilbao, Barcelona, Madrid und das Valle de los Caídos. Denn wo ließe sich der Gegensatz zwischen aufstrebenden Digitalisten und verängstigten Traditionalisten besser ausmalen als vorm Hintergrund dieser alten Bastionen des Katholizismus – wo mittlerweile ein junges Königshaus und eine junge Demokratie gemeinsam versuchen, die Militärdiktatur des General Franco zu vergessen?