Was soll das, dieses Klagen über das Düstere, das Melancholische, das sich in diesen Tagen zwischen fallendem Laub und Kommentaren zur politischen Großwetterlage breitmacht? Dagegen gibt es ein Heilmittel. In 15 Minuten per S-Bahn nach Harburg. Raus aus dem Bahnhof, links um die Ecke und hinein in die Sammlung Falckenberg, dem genial zwischen Dönerbuden und Phoenix-Center platzierten Industrieloft.

Den Besucher erwartet: ein Farbgewitter. Nein, ein Agitpop-Kunst-Gewitter. Peter Saul, Jahrgang 1934, ist ein Grenzgänger zwischen Comic-Ästhetik und abstraktem Expressionismus. Klingt heftig, erweist sich aber als entbehrlich bis unerheblich. Denn auf den ersten Blick erkennt der Betrachter vertraute Gestalten. Aus dem global-populären Personal wie Superman, Super Dog oder Donald Duck schuf dieser Künstler traurige Helden und baute sich aus dem Fundus von Kriminalfällen und Verbrechen knallige Bildergeschichten, in denen es drunter und drüber geht. Wer ist Täter, wer Opfer? Unscharf.

Vielleicht wäre dieser Amerikaner ein anderer Mensch geworden, hätte er nicht als Kind schon die Verbrecherwelt vor Augen gehabt. Dirk Luckow, der Intendant der Deichtorhallen, hält dieses biografische Detail jedenfalls für bedeutsam: "Saul wuchs in San Francisco auf, mit dem Blick auf Alcatraz, die berühmteste Gefängnisinsel der Welt. Seine Mitschüler waren Kinder des Wachpersonals." Zu Peters Lieblingslektüre zählten Serien wie Crime does not Pay. California, Love and Peace ? Eher steht der pazifische Hedonismus bei ihm für Hass und Gewalt.

Einige Jahre lang lebt er in Amsterdam, Paris und Rom und entdeckt ausgerechnet im alten Europa alte Hefte der Mad- Serie. Boing! Aus dem Abstand heraus sieht er den amerikanischen Lebensstil mit anderen Augen. Ein frühes Lieblingsmotiv ist der Kühlschrank, Fetisch der Konsumkultur, in der Werbung bis zum Platzen gefüllt mit allem, was Amerika gern in sich hineinschaufelt. Auf Sauls Ice Box- Bildern dagegen erkennt man ein ranzig-aggressives Durcheinander von Gammelfleisch, zerknautschtem Plastik, Alk-Pfützen, Kraken-Figuren ungeordnet ineinander verschlungen. Hier führt Saul, der Kollektiv-Psychologe, seine Fellow Americans als in der Analphase stecken gebliebene Würstchen vor. Die einem System von Verbrechen und Gewalt ausgesetzt sind. In Crime doesn’t Pay (1963) hantiert eine Frauenfigur in Häftlingskleidung, ihr Auge ein Dollarzeichen, mit einem Revolver, während das Gesetz (law) in der Tonne verschwindet.

Später dann wird aus dem lokalen ein globales Verbrechen: das Trauma des Vietnamkrieges. "Ich musste nichts weiter tun als in die Zeitung zu schauen, und da war sie, die irre Seite von Amerika." Kommunisten bekämpfen, demokratische Werte verteidigen? Pure Heuchelei. Yankee Garbage (1966) etwa zeigt unter Palmenriesen einen kotenden Hund mit Soldatenhelm, umgeben von drei Prostituierten namens Truth, Justice und Love.

Ein Popkünstler als überzeugter Kommunist? Das nun doch nicht. "Ich habe nie an ein bestimmtes politisches System geglaubt", sagt Saul im Interview mit der Kuratorin Martina Weinhart. Eher kokettiert er mit einer Art Fundamentalkritik, als dass er sich als Speerspitze einer kritischen Analyse sieht. "Erst vor Kurzem ist mir klar geworden, dass ich das Wort ›Übertreibung‹ viel häufiger hätte gebrauchen müssen." Altersmilde eines 79-Jährigen?

Reicht ja auch, dass seine Bildgeschichten den Nerv einer Proteststimmung trafen. Später verliert sein Stil an Impulsivität, wird perfekter, greller noch, dank des Day-Glow-Farbauftrags, den er mit einer Glanzschicht überzieht. Mit Titeln wie Angela Davis at San Quentin (1971) , Ronald Reagan in Grenada (1984) oder Bush at Abu Ghraib (2006) wandert der Besucher durch die jüngere amerikanische Zeitgeschichte.

Saul erweist sich als der Künstler, der politischer als Andy Warhol, grobschlächtiger als Frank Stella war. Erfolglos aber war er deswegen noch lange nicht. Anfangs nahm man ihm Zeichnungen für 25 Dollar das Stück ab. Zuletzt wurde für Sauls Arbeiten in London um die 25 000 Pfund bezahlt. Harald Falckenberg hat sich schon früh für Saul interessiert, etliche Werke der Ausstellung stammen aus seiner Sammlung.

Schnappt der Besucher irgendwann nach diesen grellen Projektionen draußen Harburger Frischluft, wirkt die Melancholie der fallenden Blätter plötzlich wie ein Tranquilizer.

Peter Saul; Sammlung Falckenberg, bis 28. Januar 2018. Wilstorfer Straße 71, geöffnet jeden 1. Sonntag im Monat 12–17 Uhr sowie im Rahmen von Führungen