Nachdem Frankreich der EU in diesem Jahr beinahe abhandengekommen wäre, scheinen die Deutschen nun sehr froh, dass es anders kam. Man hat von hier aus das Gefühl, die Franzosen zu brauchen, und zwar nicht nur ökonomisch und auch nicht, weil es in Frankreich immer etwas vornehmer und weltläufiger zugeht. Nein, in der deutschen Vorstellung sind die Franzosen einfach härter drauf als die Deutschen.

Die Konflikte erscheinen krasser, die Polizei wirkt brutaler. Das Militär kann noch richtig zulangen. Die Panzerparaden, der Nationalismus, all der Hochmut gegenüber der Außenwelt, den die Deutschen nicht können oder nicht wollen. In Frankreich ist ja selbst die Relativierung historischer Schuld durchaus üblich, weil die französische Schuld vielleicht groß ist, zumal in Afrika, aber die deutsche eben doch größer.

Alles, was es in Frankreich an Brutalem gibt, scheint in Marseille seine Heimat zu haben: Kriminalität, Gewalt, Elend, Verbrecherstolz. Der Journalist Philippe Pujol, Jahrgang 1975, der dort aufgewachsen ist und lebt, hat ein Buch über die Stadt geschrieben. Es beginnt mit Berichten aus den Vierteln im Norden, mehr anekdotisch als mit viel Drive erzählt, aber doch so, dass einem deutschen Leser schwindelt: Unglaublich, was möglich ist, gleich nebenan im Nachbarland!

Ein Mädchen, acht Jahre alt, dessen einzige Spielkameraden fette Ratten sind. Sie haben sich in den leer stehenden Wohnungen der Siedlung eingenistet, in der die Kleine wohnt. Sie lockt die Tiere flüsternd an, um sie zu streicheln: "Putt-putt-putt ... sch-sch-sch ... Komm, komm her!" Oder die Zehnjährigen, die über die Waffen der Polizei fachsimpeln: Es gibt Modelle für die Hartgummigeschosse, mit denen die Polizisten trotz Verbot Verdächtigen an den Kopf oder in die Genitalien schießen, Schlagstöcke unterschiedlicher Qualität und natürlich verschiedene Pistolen.

Pujol hat ein politisches Anliegen. Er versucht die Ursachen für das Elend zu erfassen, als da wäre die so furchtbar verfehlte Wohnungsbaupolitik der Franzosen der sechziger Jahre. Die Siedlung Bassens beispielsweise entstand als Durchgangsstation für Gastarbeiter aus Nordafrika. Die Ankommenden wurden von einer Behörde unter Beobachtung genommen, die entschied, wann jemand integriert genug war, um die scheußliche Siedlung zu verlassen und in eine Sozialwohnung zu ziehen. Was im Umkehrschluss bedeutete, dass die Verbliebenen sich so unerwünscht fühlten, wie sie es waren. Sie sind trotzdem geblieben.

Eins macht Pujol klar: Parallelgesellschaft heißt nicht nur, dass die einen sich nicht integrieren, es heißt auch, dass den anderen egal ist, was in dieser Parallelwelt passiert. Sie können keine Empörung aufbringen, wenn die Leute dort im Müll ersticken, weil die städtische Straßenreinigung nicht mehr kommt. Oder wie der Marseiller Bürgermeister Jean-Claude Gaudin es formulierte: "Solange sie sich gegenseitig umbringen, ist es nicht schlimm."

Pujol beschreibt, wie der Klientelismus die Stadt fragil macht, ein Problem, verkörpert von jenem Bürgermeister, der durch Amtsanhäufung auf 120 Mandatsjahre kommt (und jetzt nach einem neuen Gesetz zumindest einen Posten abgeben muss). Und dennoch – es bleibt eine ferne Welt, die Pujol beschreibt, und man fragt sich: Warum meint ein gutbürgerlicher Verlag wie Hanser, dass ich das lesen soll? Die Protagonisten bei Pujol haben mit einer buchkaufenden Mittelschicht jedenfalls nichts zu tun.

Während die erste und zweite Generation der Einwanderer die Demütigungen noch still ertrug, leben die Jungen heute in einer Ghettokultur. Aus Schande und Scham über die eigene Ausgeschlossenheit ist eine alternative Gesellschaftsordnung entstanden – hier gelten nur Härte, Stolz, Leichtsinn, Männlichkeit. Einige von ihnen werden islamistische Terroristen. Die meisten aber werden Kleinkriminelle und machen sich selbst kaputt, indem sie Junkfood essen, die Einstiegsdroge, und mit Schuhcreme gestrecktes Dope rauchen. Für die Klienten aus den besseren Vierteln bauen sie dann Bio-Gras an. Sie lehnen alles ab, was konstruktiv ist, zum Beispiel das bisschen Schulbildung, das ihnen geboten wird. Und sie sterben jung, erschossen von der Polizei oder der drogenverkaufenden Konkurrenz.

Offenbar gibt es in der Mitte der Gesellschaft ein Interesse, sich mit dem Thema Ghetto zu befassen. Die deutsche Serie 4 Blocks über libanesische Gangs in Neukölln sehen wahrscheinlich auch nur Leute mit Abitur. Vielleicht ist es so: Während die Rechtsaußen-Parteien Europas die Angst vor einer Spaltung und Verrohung der Gesellschaft in Aggression umwandeln, verarbeiten die Liberalen ihre Sorgen kulturell.

Philippe Pujol: Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille; a. d. Franz. v. T. Bardoux u. O. I. Schulz; Verlag Hanser Berlin, Berlin 2017; 304 S., 24,– €, als E-Book 17,99 €