Die sogenannte Erste Welt konnte nur werden, was sie heute ist, indem sie den Rest der Erde gnadenlos ausbeutete. Der in Frankreich ausgebildete und französischsprachige Politologe Achille Mbembe hat diesen Gedanken oft entwickelt, auch in seinem neuesten Essay Politik der Feindschaft ist er grundlegend. Der Handel mit Ressourcen und der Arbeitskraft von Sklaven aus unterjochten Gebieten machte die Kolonialisten reich. Ihre jungen Demokratien gewannen Stabilität durch die Abgrenzung von angeblich unzivilisierten Anderen: "Der innere Frieden im Westen basierte also zu einem großen Teil auf Gewalt in der Ferne."

Heute aber, so Mbembes zentrales Argument, gibt es keine Ferne mehr. Die Weltbevölkerung wächst, die Migrationsbewegungen multiplizieren sich, und jeder Mensch findet sich in weltumspannende ökologische und technische Zwänge verstrickt. Deshalb könne man das Gewaltpotenzial der Gesellschaften nicht mehr auslagern. Es habe sich ins Innere verlagert und zeige sich an einer überhandnehmenden Politik der Ausgrenzung, all den Mauern und Lagern, mit denen man unerwünschte Migranten – kurz: gefühlte Feinde – mitten im "Eigenen" zu isolieren trachte.

So vertraut dieser Zusammenhang wirkt, so sehr setzt Achille Mbembes essayistische Schreibweise aber die Zuneigung seiner Leser zu gewissen poststrukturalistischen Denkweisen voraus: Er verficht eine Logik der Ausnahme, wie sie auch Giorgio Agamben beschrieben hat, eine Ethik der Anerkennung, die so ähnlich Judith Butler fordert. Er übernimmt psychiatrische Fallbeispiele, die Frantz Fanon in den 1950er Jahren in Algerien gesammelt hat. Und er gleitet so unversehens von eigener zu fremder Rede, dass man sich häufig nicht sicher sein kann, wer gerade spricht, wann und wo.

Als Gegengift gegen die Politik der Feindschaft schlägt Mbembe eine "Ethik des Passanten" vor, eines Bürgers, der lebt wie ein Vorübergehender, also freiwillig "darauf verzichtet hat, irgendetwas zu besitzen", und deswegen auf jedes Gegenüber mit der Offenheit dessen zugeht, der nichts zu verlieren hat. Ein hochfliegender utopischer Entwurf, der sich mit den Gegebenheiten konkreter Orte und Zeiten am Ende überhaupt nicht mehr abgibt.

 Achille Mbembe: Politik der Feindschaft. A. d. Franz. v. M. Bischoff; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 235 S., 28,– €