Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Meine Großmutter hatte noch eine eherne Regel: Bei Tischgesellschaften sind Religion und Politik tabu. Sonst wird aus einer angenehmen Runde schnell eine Messerstecherei. Na ja, nicht mit den schweren Silberwaffen, die auf diesen niedlichen Bänken neben den Tellern auf ihren Einsatz warteten, sondern eine Wortstecherei über gestärktem Leinen, aber mit echten Verletzen. Wie altmodisch, dachten die Generationen danach. Sie zogen an der Regel wie Kinder am Tischtuch und stritten fröhlich und mit vollem Mund über Kirche und Kanzler. Ab und zu sprang jemand auf und schlug die Tür hinter sich zu, dann und wann flossen auch Tränen, aber das gehörte zur Dramaturgie aufregender Abende.

Langsam kann ich der Großmamas Regel aus dem alten Knigge ziemlich viel abgewinnen. Erst wurde die Religion gefährlich für die Geselligkeit. Burkaverbot ja oder nein? Noch in der Kirche sein? Und wenn ja, in welcher? Da konnte es in den letzten Jahren schon mal laut werden. Es gab Beleidigte und Besserwisser, aber spätestens zum Espresso waren sie alle wieder Freunde. Jetzt ist die Politik dran. Leise krochen die Konfliktthemen unter dem Tisch hervor und mit ihnen unsichtbare Gestalten mit schlechtem Benehmen: Trump, Putin und Gauland zogen ihre Sakkos aus und machten es sich unter uns gemütlich. Wein-Obergrenzen wurden überschritten, und plötzlich werden aus Debatten echte Kämpfe mit unversöhnlichem Ausgang. 

Mit dem Einzug der Populisten in den Deutschen Bundestag gibt es nun an unserem Abendbrottisch Plätze, auf denen niemand sitzen will. "Neben dem nicht." Wer ist schuld?, ist das neue Vorspeisenthema, bei dem Worte wie Macheten geschwungen werden. Die Bundeskanzlerin oder Oskar Lafontaine? Die Mitte und ihr Gefühlsnarzissmus oder die Abgehängten, über die zu reden einfacher ist, weil sie nicht am Tisch sitzen? Die Medien? Vielleicht sogar die Kirchen mit ihrem Hochton moralischer Überlegenheit? Die Töne werden scharf und unversöhnlich. Es ist, als müsste für das eigene Erschrecken schnell ein Buhmann gefunden werden. Plötzlich sitzen nicht mehr Jan und Maggie, Hille und Georg am Tisch, sondern AfD-Versteher und Alarmisten, Moralisten und Verdränger. Berufsdifferenzierer werden plakativ und Bedenkenträgerinnen sehr entschieden.

Und dann ist da noch eine andere unsichtbare Linie, die wir ganz vergessen hatten. "Es liegt am Ostmann", sagt der Olli und berichtet von seinen Recherchen. Da schreit der Christian los und wirft das Glas um. Ich komme aus Leipzig, aber das habt ihr ja alle schön verdrängt, ruft er. Da sitzen wir und schweigen. Wir mögen uns doch. Das Essen ist köstlich. Wir sind politisch gebildet und debattenverwöhnt. Wir sprechen mehrere Sprachen, doch die, die wir jetzt brauchen, sprechen wir nicht.