Reliquien sind eine feine Sache. Für den Gläubigen materialisiert sich in ihnen das ansonsten Unfassbare. Nicht nur, dass die irdischen Überbleibsel von Heiligen deren Existenz bezeugen. Zudem sollen ihre Knochenfragmente, die Tücher, Holzstückchen oder Waffen, mit denen sie angeblich in Berührung gekommen sind, auch noch Wunder bewirken. Wenig verwunderlich wiederum, dass aufgrund der großen Nachfrage nach Mirakeln solche Gegenstände zu magischer Vermehrung neigen.

Deshalb finden mittlerweile auch geschäftstüchtige Atheisten, es könne gar nicht genug Reliquien geben. Jeder heilige Fitzel wird zur lokalen Attraktion. Der Wissenschaft kommt dabei meist der Part des Spielverderbers zu. In der Rolle des Heiligen-TÜV rückt sie den Reliquien vergangener Jahrtausende mit modernsten Methoden zu Leibe – Massenspektrometer, Isotopenuntersuchung oder chemischer Analyse. Hat etwa das Turiner Grabtuch tatsächlich den Leib Jesu Christi bedeckt, so lautete vor Jahren die Frage? Stammt das Material wenigstens aus antiker Zeit? Die Radiokarbondatierung sagt Nein. Ihr zufolge hat das Tuch mittelalterlichen Ursprung. Noch ist der Fall nicht zweifelsfrei geklärt, doch die Turiner Tuchfreunde waren über das Votum der Wissenschaft nicht erfreut.

Nicht immer entzaubert die Forschung die Reliquie. Manchmal lässt sie zumindest die Möglichkeit des Heiligen offen – wie etwa im Falle des heiligen Brotsacks von Assisi. Dieser ist nicht zu verwechseln mit dem heiligen Strohsack, auf dem vor zwei Millennien das Jesuskind gelegen haben soll. Dieser ist weiterhin absent. Den Leinensack mit Brot, den Mönche des Klosters San Francesco im süditalienischen Folloni im Winter 1224 auf ihrer Türschwelle fanden, gibt es hingegen tatsächlich. Laut der Überlieferung war damals weit und breit kein edler Spender in Sicht – daher schlussfolgerten die Mönche, er müsse wohl von einem Engel dahingelegt worden sein. Schließlich bewohnten sie ein Kloster, das von Franziskus von Assisi höchstselbst gegründet worden war.

Der Spiritus Rector des Ordens der Minderen Brüder (heute weltberühmt als Franziskaner) war zwei Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen worden. Was, wenn Franz den Brotsack mit seinen heiligen Fingern berührt hatte? Allein die Vorstellung erzeugt bei Gläubigen ein Schaudern – und löst in Forschern das Bedürfnis aus, ihr Instrumentarium in Stellung zu bringen.

Ein internationales Großteam aus Italien, Dänemark und den Niederlanden kommt jetzt in der Fachzeitschrift Radiocarbon zum Fazit: Der Sack ist wahrscheinlich echt. Ihre Radiokarbonmessung datiert verbliebene Sackfetzen auf 1220 bis 1295 nach Christus. Passt! Chemische und gaschromatische Analysen verschiedener Fragmente "enthüllten die Anwesenheit von Ergosterol – ein Biomarker für die Anwesenheit von Brot" (oder Bier). Als Gegenprobe wickelten die Forscher einen Brotlaib in ein modernes Tuch und wiesen auch darin Ergosterol nach.

Anfangs nutzten die Minderen Brüder das Linnen noch als Altartuch. Doch der Hunger der Gläubigen nach physischen Belegen für Heiliges war auch in diesem Fall groß. Jeder wollte ein Stück abhaben. Die Kleriker hatten nichts dagegen: Gutes Marketing ist schließlich keine Erfindung der Neuzeit. Immer wieder zwackten sie ein paar Quadratzentimeter vom heiligen Brotsack ab und schickten sie als Glaubenscoupons in die Welt.

Im 18. und 19. Jahrhundert suchten allerdings Schicksalsschläge das Kloster heim. Erst kam ein Erdbeben, dann die Franzosen – da half auch keine Reliquie. Da schickten die Mönche das kostbare Tuch an einen sicheren Ort. Erst 1999 erfolgte der Rücktransfer. Seither werden Teile des Sacks im Kloster verwahrt und von Besuchern verehrt. Das Ergebnis der Radiokarbonmessung dürfte der Verehrung Auftrieb geben.

Die zentrale Frage ist allerdings noch immer offen: Waren seinerzeit wirklich Engel im Spiel? Wohlweislich hüten sich die Forscher, diese Frage zu beantworten. "Wissenschaftliche Messungen können eine Legende oder einen Glauben nicht beweisen", schreiben sie diplomatisch. Endlich einmal Friede zwischen Forschung und Glaube! Der heilige Franz kann in Frieden ruhen.

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