Josef Pröll, derzeit Raiffeisen-Manager und ehemals Chef der Volkspartei sowie Vizekanzler, hatte geladen: zum Empfang für Martin Engelberg, einen der Überraschungskandidaten auf der Liste von Sebastian Kurz. Man schmauste auf gut Wienerisch beim Stadtwirt. Als die Wahlveranstaltung offiziell zu Ende gegangen war, blieben einige aus der Runde der Journalisten, Berater und Sekretäre vergangenen Donnerstag noch ein wenig sitzen. Was Michael Jungwirth, Leiter der Wien-Redaktion der Kleinen Zeitung und einer der "Sitzenbleiber", danach über diesen Après-Plausch schrieb, lässt aufhorchen: Aus "berufenem Mund" sei da in diesem Insider-Zirkel zu erfahren gewesen, "der Sebastian" werde – so er Platz eins schafft – in den ersten 100 Tagen ein ehrgeiziges Programm abarbeiten und zwar mit einer Minderheitsregierung. Nach einem Jahr könne er dann mit Hinweis auf eine destruktive Opposition Neuwahlen ausrufen.

Was noch vor wenigen Wochen als völlig absurde Variante abgetan werden konnte, klingt heute nicht mehr ganz absonderlich: Je kaputter sich die anderen Parteien präsentieren, desto größer wird für Kurz die Versuchung, das Experiment zu wagen. Nach einer Niederlage werden sich die meist auch intern zerstrittenen Parteien erst wieder fassen müssen, bevor sie Neuwahlen riskieren können.

Kurz selbst kokettierte bereits Anfang September in einem TV-Interview mit einer Minderheitsregierung: "Sollte ich Erster werden, würde ich versuchen, möglichst viele Parteien zu finden, die bereit sind, mit uns Projekte umzusetzen. Ob das nun eine klassische Koalition ist oder etwas völlig Neues, müssen wir uns dann anschauen." Ein riskantes Experiment, das sich auf ein prominentes Vorbild berufen kann – allerdings unter ziemlich unterschiedlichen Vorzeichen.

Die bisher einzige Minderheitsregierung hatte Bruno Kreisky im April 1970 gebildet. Die SPÖ hatte damals 48 Prozent der Stimmen und 81 der 165 Sitze im Nationalrat erreicht.

Die Verhandlungen mit der ÖVP scheiterten. Für die FPÖ kam ein Regierungseintritt wegen ihres zentralen Wahlkampf-Slogans "Kein roter Kanzler – keine schwarze Alleinregierung" nicht ernsthaft infrage.

In dieser Situation schloss Wahlsieger Kreisky mit dem damaligen FPÖ-Chef Friedrich Peter einen Pakt: Die Freiheitlichen würden ein Jahr lang eine Minderheitsregierung dulden, keinen Misstrauensantrag der ÖVP unterstützen und einem Budget zustimmen. Im Gegenzug sollte im freiheitlichen Interesse ein neues Wahlrecht beschlossen werden, das kleine Parteien nicht mehr benachteiligt. Für Peter kein schlechtes Geschäft: Wäre seine Partei einfach wieder in Opposition gegangen, hätte sie gar nichts bekommen.

Nach der Absprache mit Peter legte Kreisky los: Innerhalb weniger Monate wurde das Familienrecht umgekrempelt und die Rechtsstellung unehelicher Kinder massiv verbessert. Der Wehrdienst wurde auf sechs Monate verkürzt, die Aufnahmeprüfungen für Gymnasien schaffte die Regierung ab und führte gleichzeitig die Schülerfreifahrten ein. Auch das Strafrecht wurde geändert: Homosexualität zwischen Erwachsenen, Ehebruch und Ehestörung waren nun keine strafbaren Delikte mehr.

Die FPÖ trug all das und auch das Budget für 1971 mit. Lange konnte das allerdings nicht mehr gut gehen: Peter geriet in seiner Partei immer mehr unter Druck. Kreisky wusste das und veranlasste Neuwahlen. Mit dem Slogan "Lasst Kreisky und sein Team arbeiten" erreichte die SPÖ bei den Wahlen im Oktober 1971 die absolute Mehrheit – 50,04 Prozent der Stimmen und 93 von nunmehr 183 Mandaten. Die Vorherrschaft der SPÖ am Ballhausplatz, die damals begründet wurde, sollte mehr als ein Vierteljahrhundert lang währen.

Damals hielten Geheimabsprachen noch, und niemand fragte nach: Als die SPÖ im Juni 1970, zwei Monate nach der Regierungsbildung, ihren Parteitag abhielt, fiel in keinem einzigen Debattenbeitrag die Bezeichnung FPÖ, auch nicht in jenem Kreiskys.