Unter Sozialdemokraten kursiert eine Grafik, die zeigt, wie sich die Wahlergebnisse der SPD und der britischen Labour Party seit Ende der neunziger Jahre entwickelt haben. Beide Kurven gehen steil nach unten, der Abschwung verläuft nahezu parallel. Bis auf dieses Jahr: 2017 ist die SPD weiter abgestürzt, Labour dagegen war so erfolgreich wie lange nicht.

Natürlich lässt sich die Situation in Großbritannien nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Der politische Gegner von Labour, die Konservativen, sind viel marktradikaler, als es die CDU je war. Auch die soziale Schieflage im Land ist größer. Und trotzdem ist der Vergleich interessant. Denn Labour laufen die Leute nur so zu, die Mitgliederzahl hat sich innerhalb von zwei Jahren fast verdreifacht. Auch die SPD lockt neue Leute an, allein 20.000 seit Jahresbeginn, man vergisst das in diesen Tagen leicht. Von diesen Neuen und ihren Ideen aber war im ganzen Wahlkampf überhaupt nichts zu spüren. Die SPD hat einfach alles genau so gemacht, wie sie es immer schon gemacht hat: die gleiche Sprache, die gleichen Formate, die gleichen Auftritte. Das war das Problem!

Womöglich erweist Martin Schulz der SPD ja einen letzten Dienst

Und jetzt, nach dieser krachenden Wahlniederlage? Überall im Land entstehen gerade Initiativen, die die SPD verändern wollen, sie nennen sich "#restartSPD" oder "SPDplusplus". Sie alle sind getragen von der enormen Sehnsucht nach anderen Inhalten, anderen Personen und, ja, auch nach einem anderen politischen Stil. Das Problem ist nur: Die sozialdemokratische Funktionärsriege kann damit überhaupt nicht umgehen.

Spricht man mit Spitzengenossen, dann warnen sie davor, jetzt zu viel zu verändern. Ihr größtes Zugeständnis an Veränderung ist die Forderung nach einem neuen Grundsatzprogramm. Als ob die SPD nur ein neues Grundsatzprogramm brauchte und nicht eine grundsätzlich andere Politik!

Schaut man auf das politische Koordinatensystem der Republik, dann hat die SPD gar keine andere Überlebenschance, als nun nach links zu rücken. Der Platz in der Mitte ist von Merkels CDU besetzt und wird es auch bleiben – selbst dann, wenn Merkel einmal nicht mehr Kanzlerin sein sollte. Hinzu kommt: Klappt Jamaika, dann wird Deutschland in den kommenden vier Jahren von einem breiten bürgerlichen Bündnis regiert werden, das die SPD nicht anders attackieren kann als von links.

Allerdings geht es für die Sozialdemokraten jetzt um so viel mehr als um die Frage, wie weit man nach links rücken will. Es geht darum, ob man es schafft, die alte Funktionärsmentalität abzuschütteln; ob man die enorme Begeisterung und den Schwung der Neuen mitnehmen kann; ob man cooler, moderner und weiblicher wird. Darin liegt die Chance, wenn die SPD nun in die Opposition geht. Es sind vier Jahre, in denen man neue Formen der Beteiligung ausprobieren kann. Wer sagt denn, dass eine alte Partei wie die SPD nicht genauso jung auftreten kann wie die Bewegung La République en Marche des französischen Präsidenten Emmanuel Macron?

Wer Volkspartei sein will, muss auf das Volk zugehen. Das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis des sogenannten Haustürwahlkampfs, der als Geheimrezept beider Volksparteien in diesem Wahlkampf galt und der – schaut man auf die Ergebnisse – total floppte. Es reicht eben nicht, alle vier Jahre an Wohnungen zu klingeln, genauso wenig, wie es reicht, einmal die Woche eine Bürgersprechstunde abzuhalten und dann zu hoffen, dass auch Bürger kommen. Die bleiben ja nicht deshalb fern, weil sie sich nicht für Politik interessieren – sondern weil sie ein Leben haben. Weil sie arbeiten müssen, Kinder aus der Kita abholen oder abends ins Bett bringen müssen; weil die Schule zum Elternabend lädt oder die pflegebedürftige Mutter nicht allein gelassen werden kann. Diese Menschen an politischen Entscheidungen zu beteiligen, sie miteinander ins Gespräch zu bringen und mitdiskutieren zu lassen, das wäre wirklich neu.

Was bedeutet das alles für Martin Schulz? Die Kanzlerkandidatur hat ihn überfordert, aber Parteivorsitzender will er trotzdem bleiben. Intern heißt es, Schulz wolle vor der Landtagswahl in Niedersachsen keine Unruhe aufkommen lassen. Es sei nicht ausgemacht, dass er beim Parteitag im Dezember noch einmal antreten werde. Womöglich erweist Schulz der SPD ja einen letzten Dienst – und lässt ihre Erneuerung auch von oben zu.

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