In jeder ordentlichen Kneipe gibt es einen Typen, der an der Bar sitzt und immer das Gleiche erzählt. Job weg, weil der Chef ein Penner war. Miete erhöht, diese verdammte Hausverwaltung. Dann hebt er den Blick, als komme jetzt was Neues, er schaut zum Wirt, als sei ihm blitzartig etwas eingefallen, schnipst mit dem Zeigefinger gegen das leere Glas. Eins könnte ich noch vertragen, sagt er dann.

Wenn man geht, ihm auf den Rücken klopft, sich verabschiedet, vor der Kneipe auf dem Gehweg steht und überlegt, ob man umkehren soll, eins noch, dann ist man gefangen in seltsamer Ambivalenz: Man mag diesen Typen, man mag ihn sehr. Seine Enttäuschung ist ehrlich und echt: Er hat, mit beinah kindlicher Naivität, Besseres erwartet von dieser Welt. Aber wie er immer wieder diese gleichen Geschichten erzählt, über die Gemeinheit des Lebens, über Unschuld und Unglück – man kann es nicht mehr hören. Man will ihm sein Bier in den Abfluss kippen, die Zigaretten zerdrücken, das Fenster aufreißen, ihn durchrütteln, anschreien, umarmen, ohrfeigen, auf die Straße zerren, irgendwas.

Dieser Typ ist wie die SPD. Sichtbar verbittert, aber nicht verzweifelt genug, um was zu ändern. Auch die SPD, die stolzeste und älteste Partei in diesem Land, sitzt nach der Wahl weiter da und erzählt dieselben Geschichten. Als könne man den Schmerz mit Selbstbeschwörung und ein paar Motzereien überwinden. Gegen Merkel, die sich jeder Debatte verweigert. Gegen die Medien, die einen nicht ausreden lassen. Gegen die Wähler, die nicht merken, was die SPD alles geleistet hat in den letzten Jahren. Und als Antwort auf die AfD sagt Schulz dann tatsächlich, seine Partei habe sich ja damals gegen Hitler gestellt. Als könne man sich vor der stürmischen Zukunft im Museum verstecken, irgendwo hinter einer Bronzefigur von Willy Brandt. Der Typ in der Bar erzählt in solchen Momenten gern von seinen Erfolgen in der C-Jugend. 1973, vier Tore gegen den VfL Güldenstern Stade. Was war das für ein Tag!

Es ist gespenstisch, wie die SPD ihrem Untergang entgegengeht. Im Marschschritt, mit gleichbleibendem Personal. Dass niemand öffentlich den Bankrott erklärt. Dass niemand einsehen will, dass 1998 noch 20 Millionen Wähler die Sozialdemokratie attraktiv fanden – und bei dieser Wahl nur noch 9,5 Millionen, weniger als die Hälfte. Und dabei waren darunter auch Wähler, die SPD gewählt haben, ohne sie attraktiv zu finden. Aus prinzipieller Zuneigung, manche sogar aus Mitleid. Es gibt viele von denen, ich kenne ein paar. Ich bin einer von ihnen.

Seit ich wählen darf, mache ich mein Kreuz bei der SPD. Mit zwanzig bin ich Mitglied geworden. Auf der Suche nach einer progressiven Partei, die links ist, aber nicht doof, pragmatisch, aber mit Herz. Ich mag diese Partei noch immer. Aber ich mag sie eher so, wie ich den Typen an der Bar mag.

Sie macht mich wütend und schwach, müde, melancholisch und traurig, wie mich der Typ an der Bar traurig macht. Und je länger ich nachdenke, woher diese Melancholie kommt und wie sie zu vertreiben ist, desto mehr glaube ich, dass es nur eine Lösung gibt: Diese Partei muss sich auflösen. Sie ist wie ein qualmendes Kohlekraftwerk. Die Lösung für eine Epoche, die ihr Ende gefunden hat. Eine Übergangstechnologie.

Letztes Jahr, da hatte ich zum ersten Mal dieses Gefühl, es war nicht mehr zu leugnen. Da sagte Sigmar Gabriel, damals noch Vorsitzender, die SPD müsse wieder die "Schutzmacht der kleinen Leute" werden. Ist es, lieber Sigmar, 227 Jahre nach der Stürmung der Bastille, einem emanzipatorischen Aufstand, der sich gegen Unfreiheit und Leibeigenschaft richtete, nicht brutal deprimierend und antimodern, Menschen als "kleine Leute" zu bezeichnen? Müsste eine Partei, die einen bitterarmen Halbwaisen aus Mossenberg an der Lippe zum Bundeskanzler gemacht hat, den Menschen nicht ein Gefühl von Größe geben, statt sie kleinzureden?

Sprache ist aus Realität gemacht. Aber Realität ist auch aus Sprache gemacht. Je länger man Menschen sagt, sie seien einfach und klein, was eine gängige Rhetorik ist unter deutschen Sozialdemokraten, desto mehr fühlen sie sich auch so, desto machtloser werden sie, desto ängstlicher, desto pessimistischer, desto weniger glauben sie an ihre Kraft. Bis sie irgendwann wirklich meinen, dass sie eine "Schutzmacht" brauchen. Dummerweise wählen sie dann aber lieber die AfD-Rüpel, die schützen robuster und ohne Rücksicht auf Verluste.

In einem besonders düsteren Moment des Wahlkampfs sagte Martin Schulz, ihm seien Golffahrer lieber als Golfspieler. Er versuchte, im Angesicht der Dieselkrise, mit diesem Satz Partei zu ergreifen für den "normalen Autofahrer" und sich gegen Automanager zu positionieren.

Kurz verglichen: Ein Schnupperkurs Golf kostet aktuell so viel wie ein Kinobesuch für zwei Personen. Schulz hätte also auch sagen können: Mir sind Kindergärtner lieber als Kinobesucher. Ist auch eine Alliteration und macht keinen Sinn.