Just dann, wenn Kurz in Schwierigkeiten ist, tauchen neue Enthüllungen auf

In ihrer Verzweiflung gelobten die Sozialdemokraten nun rasche Aufklärung – auch im eigenen Interesse. Denn trotz des freizügigen Nachrichtenflusses bleiben zahlreiche weiße Flecken. Niemand scheint sagen zu können, wie die Schattenaktivitäten finanziert wurden, wer alles Bescheid wusste oder jetzt nur den Ahnungslosen mimt. Allerdings scheint der rote Mut zur Offenheit Grenzen zu kennen. Obwohl die Parteiführung sehr genau weiß, wie ihre Interna an die Öffentlichkeit gelangen konnten, bereichern sie jetzt die Debatte um eine Verschwörungstheorie: Vielleicht sei ja ein "Maulwurf" eingeschleust worden.

Die übrigen Parteien, allen voran die Volkspartei von Sebastian Kurz, schlüpften unverzüglich nachdem die Bombe geplatzt war in eine bequeme Opferrolle. Bereits bei der Fernsehkonfrontation der Spitzenkandidaten am Sonntag entfaltete sich ein eindrucksvolles Scheinheiligentheater. Oft wider besseres Wissen machten sie ihrer Empörung Luft. Allerdings unterlief Sebastian Kurz mitten in der Verve seiner Beteuerungen ein enthüllender Lapsus: Um zu unterstreichen, wie ungeheuerlich die ganze Kampagne gewesen sei, behauptete er, im Büro Silberstein hätten zwölf rote Kanalarbeiter ihr Unwesen getrieben. Das bislang unbekannte Detail offenbart eine intime Kenntnis der Quelle oder des Materials, das sie lieferte.

Die naive Vorstellung, eine "Dolmetscherin" hätte auf eigene Faust über Wochen hinweg ihr brisantes Material sehr zielgruppengenau in den Medien gestreut, klingt wenig überzeugend. Die Orchestrierung der Enthüllungen lässt eher eine professionelle Hand vermuten. Just immer dann, wenn Sebastian Kurz in der Wahlauseinandersetzung mit einem Detailaspekt in Schwierigkeiten geriet, tauchten ein paar Dateien aus dem Silberstein-Schatz auf, die seinen Kontrahenten weiter in die Defensive drängten. Die roten Wahlkämpfer können nicht einmal ausschließen, dass noch weitere Giftpfeile im Köcher stecken. Auch die Enthüllungen vom Samstag trafen sie gänzlich unvorbereitet. Ob das allerdings als Indiz dafür ausreicht, dass sie tatsächlich nichts ahnten, ist zweifelhaft. In jedem Fall sind jetzt aber nicht nur die Sozialdemokraten jede Menge Erklärungen schuldig. Auch bei den politischen Nutznießern besteht einiger Aufklärungsbedarf.