DIE ZEIT: Alle sechs deutschen Mannschaften haben ihre internationale Partie am zweiten Spieltag verloren. Ist die Bundesliga doch kein so tolles Produkt, wie die Marketingstrategen der Deutschen Fußball Liga behaupten?

Thomas Hitzlsperger: Ich mag die Bundesliga. Die DFL tut sehr viel, um weiterhin Geld zu generieren, aber sie kann nicht auch noch die Spieler und Trainer ausbilden. Die Vereine sind gefordert, selbstbewusster aufzutreten und in den nächsten Partien nicht nur an den kommenden Bundesliga-Spieltag zu denken. Der Klassenerhalt ist bei den meisten oberste Prämisse, ein Ausscheiden in der Europa League weniger schlimm. Man muss aber nicht gleich alles infrage stellen, schließlich kann man gegen Real Madrid und Paris Saint-Germain auch mal verlieren.

ZEIT: Niederlagen gegen Clubs aus Schweden, Serbien und Bulgarien sind zumindest nicht mit wirtschaftlicher Unterlegenheit der Deutschen zu begründen.

Hitzlsperger: Natürlich nicht. Bei einem Club wie dem 1. FC Köln ist nach nur sieben, acht Bundesligaspielen die Sorge abzusteigen schon so groß, dass man den Eindruck hat, die Europa League wird zur Belastung. Vor wenigen Monaten noch herrschte wegen des Erreichens der Europa League der Ausnahmezustand. Außerdem folgt die Spielidee einiger deutscher Mannschaften einem eher destruktiven Ansatz, sie konzentrieren sich zu sehr auf das Spiel gegen den Ball. Das beherrschen aber mittlerweile auch Clubs aus Schweden, Serbien und Bulgarien.

ZEIT: Borussia Dortmund dagegen spielt immer offensiv. Ist das international gegen Teams wie Tottenham Hotspur und Real Madrid naiv?

Hitzlsperger: Trainer Peter Bosz hat gegen Madrid sehr mutig spielen lassen, das sollte man ihm nicht vorwerfen. Dortmund wird in der Bundesliga für die großen internationalen Herausforderungen weiter üben können, den Spielstil zu verfeinern. Um international erfolgreich zu sein, müssen die Dortmunder aber das Spiel gegen den Ball noch verbessern.

ZEIT: Sind beim FC Bayern München, der nach der ersten Niederlage in der Champions League gleich den Trainer entließ, die Ansprüche viel zu groß?

Hitzlsperger: Offenbar gab es Differenzen zwischen Carlo Ancelotti und einigen Spielern. Ich möchte dem Bayern-Kader die Qualität nicht absprechen. Wenn man jedoch Carlo Ancelotti als Trainer geholt hat, darf man nicht überrascht sein, wenn taktische Weiterentwicklung und Jugendförderung nicht im Vordergrund seiner Arbeit stehen.

ZEIT: Er kümmert sich mehr um den lockeren Umgang.

Hitzlsperger: Die Spieler brauchen aber anscheinend klare Anweisungen. Man muss sie, wie Pep Guardiola es getan hat, permanent fordern, physisch und psychisch, um sie weiterzubringen. Es gibt nicht viele Trainer, die solche Mannschaften führen können.

ZEIT: Jetzt scheint es auf Thomas Tuchel als Ancelotti-Nachfolger hinauszulaufen – weil er gerade verfügbar ist?

Hitzlsperger: Ich weiß nicht, warum der FC Bayern München so einen Druck verspürt. Was wäre verloren, wenn er mit Willy Sagnol als Interimscoach weitermacht und den Markt weiter beobachtet? Schlimmstenfalls werden die Bayern einmal nicht Deutscher Meister. Manchester United war sogar zwei Jahre nicht in der Champions League vertreten und steht nun wieder gut da.

ZEIT: Geld schießt Tore – diese Weisheit scheint inzwischen in der Champions League zu gelten. Können die Bayern mit Clubs wie Manchester City und Paris Saint-Germain, die mit Geld von arabischen Investoren mächtig aufrüsteten, auf Dauer noch konkurrieren?

Hitzlsperger: Die besten Spieler werden dort spielen, wo am meisten Geld bezahlt wird. Der FC Bayern wird nicht umhinkommen, bei dem Wahnsinn mitzumachen, wenn er die Champions League innerhalb der nächsten Jahre gewinnen will. Es ist ein Wettbewerbsnachteil, wenn einige Vereine kein Geld einnehmen müssen und es endlos zur Verfügung haben. Da bleibt nur noch eine Neuregelung des Financial Fairplay oder ein Einschreiten der Politik. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen wird es in der Champions League sehr schwer für die deutschen Vereine.