Wegen der Mysterien!

Der Verleger Dan Browns in Deutschland hieß Stefan Lübbe und war bis zu seinem Tod mein Freund: So konnte ich dem Spitzenautor persönlich begegnen. Ich schätze ihn, weil er uns mit einer Mischung aus Geheimcodes, Wissenschaft, Religion, Geschichte und Kunst auf eine plausible Fährte lockt, an deren Ende er letzte Geheimnisse enthüllt. Wollen wir nicht alle hinter den Vorhang sehen, der die Mysterien verhüllt? Dan Brown fragt immer wieder: Könnte es nicht ganz anders gewesen sein? Mir als Rabbiner sind solche Gedankenspiele vertraut. In dem Thriller Sakrileg beispielsweise verfälscht die Kirche die wahre Geschichte des Jesus von Nazareth über Jahrhunderte hinweg, insbesondere seine Beziehung zu Frauen. Was aber, wenn es Nachkommen Jesu gäbe, die durch einen Geheimbund seit 2.000 Jahren beschützt werden? Schon lange fahnden Juden wie Christen nach dem historischen Jesus und wollen wissen, was von der kirchlichen Botschaft bleibt, wenn hinter dem dogmatischen Christus der Mensch und Jude Jesus hervortritt. Dan Brown spielt mit unserer Lust an der Entmythologisierung – so zieht er in 56 Ländern 200 Millionen Leser in seinen Bann. Damit schlägt er uns Theologen um Längen!

Rabbiner Walter Homolka ist Professor für Jüdische Theologie an der Universität Potsdam und war Vorsitzender der Ursula-Lübbe-Stiftung

Wegen der Naturwissenschaft!

Am spannendsten fand ich Illuminati – wobei ich den englischen Titel des Buches lieber mag, Angels and Demons, weil er nicht so geheimbündlerisch klingt. Der Plot: Ein Naturwissenschaftler und Theologe am Forschungszentrum Cern erzeugt Antimaterie. Und weil grad der Papst gestorben ist – ermordet! – kann der archaische Ritus des Konklaves vorgeführt werden, garniert mit der Verbrecherjagd. Als Schurke erweist sich ausgerechnet der Camerlengo, der Manager der Papstwahl, weil er angesichts des übergriffigen Universalitätsanspruchs der Naturwissenschaften um die theologische Wahrheit fürchtet. Dan Brown stellt den heute herrschenden Burgfrieden zwischen Theologie und Naturwissenschaften infrage durch eine Figur, die lieber auf die alte Feindschaft beider Gebiete setzt. Doch wer sind am Ende die Engel, wer die Teufel? Die Frage fasziniert mich als katholische Dogmatikerin und studierte Biologin. Lau finde ich dagegen den Plot um Christi Liebesleben im Da Vinci Code. Mal ehrlich: Dass die Bibel die Jesusgeschichte vielleicht nicht historisch "korrekt" erzählt und dass manche Kreise in der katholischen Kirche mit Frauen immer noch ein Problem haben – das haut doch keinen Theologen mehr aus den Socken.

Johanna Rahner ist katholische Theologin, sie lehrt Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen

Wegen der Präzision!

Meine erste Begegnung mit Dan Brown war nicht wirklich glücklich. Ich war zu einer Podiumsdiskussion über sein Buch Sakrileg und den Film Da Vinci Code – Sakrileg geladen und meinte, mir das Buch sparen zu können. Da ich aber weite Teile des Films verschlief und erst am Ende wieder aufwachte, betrübt darüber, dass die Liebenden sich lediglich zu einer züchtigen Umarmung finden, ist mir bis heute unklar, wie ich die Diskussion einigermaßen unbeschadet überlebte. Ins Grübeln brachte mich dann die Zeitungsnachricht, der Pfarrer der Pariser Kirche Saint-Sulpice habe Menschen davon abhalten müssen, den Boden seiner Kirche aufzubrechen, um dort die sterblichen Überreste Maria Magdalenas zu finden. Fans von Dan Brown wissen, dass er aus einem schlichten barocken Null-Meridian eine "Rosenlinie" macht, an deren Ende der Gral und die Braut Jesu liegen, unter einer Pyramide in Saint-Sulpice. Nachdem ich verstanden hatte, dass hier ein literarischer Autor eine neue Wirklichkeit schafft, habe ich natürlich auch das Buch gelesen. Und bin darüber nicht eingeschlafen! Just the opposite: Es war ein Vergnügen, jeweils den Punkt zu finden, wo bei Dan Brown die präzise recherchierte Wirklichkeit in Fiktion umschlägt.

Christoph Markschies ist evangelischer Theologe und lehrt Antikes Christentum an der Humboldt-Universität zu Berlin, deren Präsident er war