Und dann war da dieses Schluchzen. Erasmus Müller hielt seine Kamera vor dem Körper, er lief die Gänge entlang und filmte Schweine, Dutzende, Hunderte von ihnen, filmte ihre Wunden und die Exkremente, in denen sie standen. Er filmte die Kadaver, die zwischen den Tieren lagen, als würden sie schlafen, er hörte die Schreie der Ferkel, und dann weinte da plötzlich ein Mensch. Er drehte sich um und sah seine Begleiterin vor einem sterbenden Ferkel kauern. Für einen Moment hatte das Grauen sie erwischt. "Wenn ich einen Horrorfilm drehen würde, dann dort", sagt Erasmus Müller später über die Nacht im Stall von Sandbeiendorf. Einem Ort, an dem mehr als 60.000 Schweine leben – um zu sterben.

Die Aktion hatten sie über Wochen vorbereitet. Sie hatten sich die Anlage nördlich von Magdeburg auf Google Maps angesehen und sie tagsüber observiert, sie hatten für die Nacht Fluchtwege festgelegt, ein Versteck für das Auto gesucht und ihren Weg in diesen riesigen Stall geplant.

Noch am Auto zogen sie sich um: dunkle Kleidung, dunkle Mütze, dunkler Rucksack. Dann liefen sie von Nordosten durch die Nacht in Richtung Stall. Hintereinander, ohne ein Wort zu sagen, entlang der Waldkante neben dem Feld, um kein Getreide zu zertreten. Sie kletterten über den Zaun auf das Gelände und suchten nach Zugängen. Sie hatten Glück, schnell fanden sie eine unverschlossene Tür. Bevor sie die Fabrikhallen betraten, stiegen sie in einen Ganzkörperanzug aus Plastik, zogen Überzieher über die Schuhe, Einweghandschuhe über die Hände und eine Atemmaske auf. Dann schalteten sie die Kameras an, öffneten die Tür und traten hinein.

Eine CDU-Politikerin sagt, es sei etwas faul, wenn einer wie Müller freigesprochen wird

In der Cafeteria der Humboldt-Universität in Berlin fällt Erasmus Müller zwischen all den Studenten kaum auf. Es ist ein Nachmittag im September, Müller, 39, sitzt im T-Shirt vor seinem mit Stickern beklebten Laptop und zeigt die Aufnahmen aus der Nacht von Sandbeiendorf vor vier Jahren. "Wenn jemand seinen Hund so halten würde, dann würde der ihm weggenommen", sagt Müller. Dann beginnt er von dieser Nacht im Schweinestall zu erzählen. Von den Fernsehberichten, den Ermittlungen, den Kontrollen, die danach folgten. Und von dem Gerichtsprozess, in dem er selbst angeklagt ist.

Die Geschichte, die er erzählt, handelt von Tierrechtlern, die Straftaten begehen, um andere Straftaten zu verhindern, von gewissenlosen Agrarindustriellen, von überforderten Beamten und von einer mutigen Richterin.

Am Ende dieser Geschichte wird eine Frage bleiben: Ist Erasmus Müller ein Verbrecher?

Schaut man auf Satellitenbildern von oben auf die Anlage von Sandbeiendorf, sieht man sechs graue Industrieriegel, jeder ungefähr 250 Meter lang, die sich parallel von Westen nach Osten ziehen. Daneben stehen Güllesilos, Schuppen, Autos. Tiere sieht man von oben nicht. Es ist nicht einfach ein Stall, der hier steht, es ist eine Tierfabrik. Rund acht Millionen Tonnen Fleisch werden in Deutschland jedes Jahr hergestellt, ein großer Teil davon in Anlagen wie dieser.

Zweimal stieg Erasmus Müller damals in die Anlage ein. Bei seinem ersten Besuch filmten sie mehrere Stunden tatsächlich unbemerkt, während in derselben Anlage Mastschweine von Arbeitern aus ihren Ställen getrieben und für die Fahrt zum Schlachthof verladen wurden. Doch die Zeit reichte nicht, um in allen Teilen zu filmen. Also kamen sie wieder. Beim zweiten Besuch wenige Wochen später hörte Müller das Schluchzen seiner Begleiterin, der das Elend zu viel wurde.