Als 1945 die UN gegründet wurden, zählten sie 51 Mitglieder. Heute sind es 193. Durch den Zerfall der Kolonialreiche – und später der Sowjetunion – erlebte das lange erträumte "Selbstbestimmungsrecht der Völker" im vergangenen Jahrhundert einen Durchbruch, oft genug allerdings zum Preis eines hohen Blutzolls.

Ebendieses Recht nehmen nun die katalanischen Separatisten für sich in Anspruch. Auch sie wollen ihren eigenen Staat, mit Barcelona als Hauptstadt. Ihre Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht ist allerdings absurd: Spanien ist keine Kolonialmacht (mehr), sondern ein demokratischer Rechtsstaat, in dem Katalonien wie die anderen 16 Regionen umfangreiche Autonomierechte und Kompetenzen besitzt, ähnlich einem deutschen Bundesland.

Das Referendum vom Sonntag war insofern eindeutig illegal. Der Unteilbarkeit des Landes, in der spanischen Verfassung von 1978 festgeschrieben, hat damals auch eine überwältigende Mehrheit von über 90 Prozent der Katalanen zugestimmt. Zahlreiche höchstrichterliche Urteile gegen ein Unabhängigkeitsreferendum haben die katalanischen Nationalisten ignoriert. Die Zentralregierung in Madrid ist in diesem Streit klar im Recht.

Was nicht heißt, dass sie am Ende gewinnen und die Einheit des Landes retten wird.

Die Separatisten sind eine Querfront aus Wohlstandsbürgern und Linksextremen

Der konservative Regierungschef Mariano Rajoy hat nämlich durch Verstocktheit und Brutalität eine Situation mit herbeigeführt, von der nun die Separatisten profitieren. In Gesprächen über eine moderate Ausweitung der katalanischen Autonomie hätte man einen Teil der Anhängerschaft der Separatisten zurückgewinnen können. Die wurden ihnen verweigert, und so blieb am Ende nur noch der martialische Auftritt der Polizei, um die Abstimmung zu unterbinden. Die Eskalation vom Wochenende aber spielt den Separatisten in die Hände. Polizisten, die wie eine Besatzungsmacht alte Leute aus Wahllokalen wegtragen und Gummigeschosse auf Protestierende feuern – das waren genau die Szenen, die die Ideologen der Unabhängigkeitsbewegung haben wollten.

Die Separatisten sind eine Koalition von rechten und linken Kräften, mit gegenläufigen Motiven – eine merkwürdige Querfront aus Wohlstandsbürgern und Linksextremen. Was sie zusammenhält, ist der Nationalismus: Die Rechten stören sich daran, dass zu viel des katalanischen Wohlstands in Spanien umverteilt wird. Die Linken, teils Anarchisten, wollen den Euro, die EU, die Globalisierung und am Ende den Kapitalismus im Namen der katalonischen Republik überwinden. Nicht ausgeschlossen, dass beide ihre Ziele erreichen und eben dabei ihre Heimat ruinieren: ein Katalonien, das sich aus Spanien und der EU herauskatapultiert.

Sieht es so aus, wenn sich ein Staat mitten in Europa selbst zerstört? Der katalonische Fall ist lehrreich für den Rest Europas. Nicht nur für die vielen anderen Länder mit abtrünnigen Regionen. Basken, Flamen, Schotten, Nordiren und die "Padanier" der italienischen Lega Nord – so unterschiedlich ihre Beschwerden sind –, sie alle eint der Traum von der wiedererlangten Souveränität. Sie wollen, wie es auch die Brexit-Befürworter in ihrer Kampagne formulierten, die "Kontrolle zurückholen". Ein legitimer Wunsch. Und doch machen die Briten die Erfahrung, dass die vermeintliche nationale Befreiung eines hoch vernetzten Landes erst recht in den Kontrollverlust führt. Sie sind schon jetzt, da die Verhandlungen mit Europa gerade erst begonnen haben, noch abhängiger vom Wohl Brüssels als zuvor.

Den katalanischen Separatisten steht das Gleiche bevor, wenn sie mit ihrem Projekt Ernst machen sollten. Ginge das denn überhaupt? Sie könnten die Unabhängigkeit einseitig erklären; Madrid würde dann die Autonomie suspendieren und die Regierung auflösen. Sollte die Zentralregierung nicht zum Äußersten greifen und die Abspaltung gewaltsam verhindern, wäre Katalonien "frei" – und isoliert. Es würde aus der EU ausscheiden, zu der es nur als Teil Spaniens gehören kann. Denn einen Wiedereintritt, von dem ihre fahrlässigen Anführer träumen, würde Spanien mit Sicherheit blockieren. Die EU würde ihn auch nicht wollen, schon um das Zerbröseln weiterer Mitgliedsländer zu verhindern.

Sie sollte das ganz klar sagen. Denn mit jedem Tag, an dem es mehr um Stolz und Identität geht, werden die Chancen geringer, dass rationale Argumente Gehör finden: Der Triumph der Separatisten brächte keine nationale Wiedergeburt, sondern eine Selbstverzwergung im Namen der Autonomie.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio