Bovenmeer, langweilige Idylle: Hier, auf dem Dorf, liegt noch Raider statt Twix im Laden, die Kneipe heißt "Willkommen", Bauern erkennen ihre Kühe an den Flecken. Wenn Kälber auf die Welt kommen, helfen die Kinder mit. Der katholische Frauenverein übt im Gemeindesaal Line-Dance.

Recht mühelos und hübsch ließe sich vor einer solchen Kulisse die Geschichte einer Jugend entfalten, die von Radfahrten zur Schule im Nachbardorf, von in der Metzgerei zugesteckten Wurstscheiben, tratschenden Nachbarn und zuweilen einengender Monotonie handelt.

Beim Debüt der 1988 geborenen belgischen Autorin Lize Spit wird schnell klar, dass es ihr um ganz andere, tiefere Schichten der Beklemmung geht. Es gibt sie zwar, die goldenen Momente in den Rückblicken der Anfang 20-jährigen Protagonistin Eva, die sich daran erinnert, wie sie dreizehn war. Das Zelten im Garten, die Tüte voll Süßigkeiten, Kirmes – irgendwie ist all das aber von Anfang an schwer durchsetzt von einem großen, nicht ersichtlichen Furchtbaren. Wie bei einem Krimi tastet man sich in Und es schmilzt, das 2016 in den Niederlanden zum Bestseller wurde, in acht Sprachen übersetzt und verfilmt wird, als Leser vor. Beiläufig wirft Spit dem Publikum Fetzen zu, weniger Informationen als böse Ahnungen: Kann es wirklich sein, dass nicht nur Evas Mutter, sondern auch ihr Vater alkoholkrank und suizidgefährdet ist? Dass die Schwester Tesje nicht nur Ticks, sondern so heftige Zwangsstörungen hat, dass sie in eine Klinik muss? Dass Evas einzige Freundschaft zu den Jungen Pim und Laurens die Pubertät nicht überdauern wird?

Fremd wie "das Duplomännchen in einem Legohaus" fühlt sich Eva, die sich bei all ihrer Nüchternheit immer sehnt, nach irgendetwas, das heil ist und bleibt.

Und obwohl über knapp 400 Seiten hinweg klar ist, dass das Schlimmste noch kommt, das brutale Ende der Freundschaft, der Tod von Pims Bruder Jan, das Ziel der mysteriösen Mission in ihr Dorf, auf der sich die erwachsene Eva mit einem schmelzenden Eisblock im Auto befindet – als es da ist, überwältigt es einen, als wäre man zuvor nie gewarnt worden. Und es schmilzt wird dann schlagartig zu einem so heftigen Buch, dass man sich nur schwer wieder davon erholen kann.

Lize Spit: Und es schmilzt
Roman; a. d. Niederl. v. Helga van Beuningen; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017; 512 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €