Drei Tage ist die AfD im Bundestag, da findet sich bei der Linkspartei bereits eine Art Selbsthilfegruppe zusammen. Mitte vergangener Woche treffen sich im Reichstag einige Abgeordnete, um erste Antworten auf eine drängende Frage zu suchen: Wie soll man mit der AfD umgehen? Auf welche Debatten sollte man sich einlassen? Gibt man diesen Leuten überhaupt die Hand? Und: Kann man wirklich einen AfD-Abgeordneten zum Vize-Bundestagspräsidenten wählen?

Nach der Geschäftsordnung des Bundestags hat jede Fraktion Anspruch auf einen Stellvertreter des Bundestagspräsidenten. Doch er oder sie muss von der Mehrheit der Abgeordneten, also auch von Mitgliedern anderer Parteien, gewählt werden. Linke, FDP, SPD und Grüne wollen dem AfD-Kandidaten Albrecht Glaser auf keinen Fall ihre Stimme geben. Was nun passiert, wird entscheidend vom nächsten Bundestagspräsidenten abhängen. Und der wird aller Voraussicht nach Wolfgang Schäuble heißen.

Schäuble hält nichts davon, die AfD auszutricksen. Er war schon dagegen, als der letzte Bundestag seine Geschäftsordnung änderte, um zu verhindern, dass der 77-jährige AfD-Abgeordnete Wilhelm von Gottberg Alterspräsident wird und den neuen Bundestag eröffnet. Manche Grüne, Linke und Sozialdemokraten wollen ebenso vermeiden, dass ein AfD-Parlamentarier einen Bundestagsausschuss führt. Auch das findet Schäuble falsch.

"Es wäre sehr töricht, keinen AfD-Vertreter zu einem Vizepräsidenten des Bundestags zu wählen", warnt ebenso der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier. "Das Parlament muss ein Spiegelbild der Meinungsvielfalt in der Bevölkerung sein. Und der Bundestagspräsident muss als Repräsentant der gesamten Volksvertretung so neutral wie möglich die Rechte aller Abgeordneten wahren."

Es kommt also auf Wolfgang Schäuble an. Darauf, dass er in der Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten die richtige Balance findet zwischen dem Geltungsanspruch der AfD und der Verteidigung der Parlamentswürde.

Dass sich der 75-Jährige das zutraut, steht außer Zweifel. Seit 45 Jahren sitzt er im Bundestag, in letzter Zeit hat er sich vor allem für den Zusammenhalt Europas interessiert. Sein Thema ist die Zukunft der offenen Gesellschaft, die er durch einen "demagogischen Populismus" bedroht sieht, der bekämpft werden müsse. So gesehen, sitzt er bald am richtigen Platz. Denn ein Bundestagspräsident ist eine Art politischer Haus- und Zuchtmeister. Er soll die Würde des Bundestags wahren und, wenn nötig, durchgreifen. Wird ein Abgeordneter beleidigend, darf er ihn rügen, ihm notfalls das Wort entziehen und ihn sogar bis zu 30 Tage lang von Plenar- und Ausschusssitzungen ausschließen.

Doch zugleich muss sich der blitzgescheite, aber oft bissige Schäuble selbst zügeln. Die Sitzungen des Parlaments, sagt das Gesetz, sind "gerecht und unparteiisch" zu leiten. Keine leichte Aufgabe, wenn man es mit Rechtspopulisten zu tun hat, die es auf ständige Provokationen anlegen. "Das ist eine Gratwanderung", sagt Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, SPD, und rät: "Man darf nicht alles, was vielleicht als Provokation gelten könnte, gleich abwürgen."

Als Handreichung im Umgang mit der AfD kursiert derzeit im Bundestag eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Sie ist 66 Seiten lang, trägt den Titel Parlamentarische Praxis der AfD in deutschen Landesparlamenten und schildert, wie sehr die Ankunft der Rechtspopulisten den Parlamentsalltag etwa in Sachsen oder Baden-Württemberg bereits verändert hat.

Das Klima in den Landtagen ist mit der AfD demnach erheblich rauer geworden. "Die Polarisierung, die wir in der Gesellschaft haben, findet nun auch im Parlament statt", sagt Thüringens Landtagspräsident Christian Carius, CDU. "Wir haben deutlich mehr Schmähungen."