Wie war es eigentlich damals? Eine kleine Republikgeschichte in Reifeprüfungen – von der Nachkriegszeit bis in die 2010er Jahre.

Martin Walser, Schriftsteller Abi 1946

Im Sommer 1945, der Krieg war vorbei, habe ich endlich lesen können! In einem kleinen Antiquariat in Lindau erwarb ich einen Gedichtband von Heinrich Heine, und auf dem Dachboden stöberte ich in der kistenverpackten Bibliothek meines verstorbenen Vaters: Klopstock, Lenau, Hölderlin. Ich war nie ein eigenständiger Lyriker. Wenn ich einem Mädchen schrieb, hatte das viel von Stefan George. Aber dann, umringt von den Franzosen als Besatzern – sehr freundlichen Besatzern – am Bodensee, da hatte mich der Heine-Ton ergriffen. Ich sollte die Abiturrede halten. Ich weiß gar nicht mehr, warum eigentlich, denn es war keineswegs sicher, ob ich in allen Fächern bestehen würde. In Mathematik und Betragen hatte ich immer schlechte Noten. In der Mathematik half mir zum Glück ein Freund, der Primus unseres Jahrgangs. Aber auch mit unserem neuen Rektor, der eingesetzt worden war, weil er gerade kein NSDAP-Parteibuch gehabt hatte, geriet ich immer wieder aneinander. Ich sagte gerne, was ich dachte. Einmal nannte er mich einen "blasierten Jüngling"! Nun, statt einer Abiturrede verfasste ich in meiner Heine-Begeisterung ein Gedicht. Es hatte 120 Strophen, und ich trug sie alle vor. Erhalten ist es nicht mehr, aber ich weiß noch, worum es ging: Eine Lehrerkonferenz berät über die Abiturnoten und fällt darüber in einen tiefen Schlummer. Im Traum werden die Pädagogen dann von fürchterlichen Monstern, von Rachegeistern der Antike, geplagt, weil sie so ungerechte Zensuren vergeben hatten. Mitten in meinem Vortrag stand der Rektor auf und verließ empört den Festsaal.

Wie ich erst später erfuhr, berief er tags darauf tatsächlich eine Lehrerkonferenz ein, um mir das Abitur mangels Reife wieder aberkennen zu lassen. Verhindert hat dies mein Deutschlehrer. Er hielt mich wohl für begabt.

Wilhelm Philippar, Lehrer Abi 1955

Als ich Abitur machte, diskutierte man in der Bundesrepublik die Wiederbewaffnung. Das wurde bei uns prompt Thema. Die Tilemannschule in Limburg an der Lahn war eine reine Jungenschule, und in Deutsch sollten wir einen Aufsatz über die Frage schreiben: "Wie müßte die künftige deutsche Wehrmacht gestaltet sein, damit Sie Ihren Wehrdienst gerne ausüben?" Diese Wortwahl kommt mir heute skandalös und suggestiv vor, aber damals erörterte ich die Frage diszipliniert, um mich dann ganz auf die Prüfung in meinem Lieblingsfach zu konzentrieren, der Mathematik. Da es 1955 eben noch keinen Wehrdienst gab, konnte ich gleich studieren: Mathematik und Chemie auf Lehramt. Als Referendar kehrte ich an die Tilemannschule zurück, später wurde ich stellvertretender Schulleiter. Oft war ich nachmittags in der Schule, bereitete noch etwas vor oder nach. Im Sommer 1967 aber hatte ich noch einen anderen Grund: Ich wollte eine junge Kollegin näher kennenlernen, die Sport unterrichtete. Nächstes Jahr sind wir 50 Jahre verheiratet.

Barbara Wenzel, Germanistin und Romanistin Abi 1970

Unser Film hieß F. F, das stand für Faschismus. Zu verdanken hatten wir die kritischen Anregungen auch unserem jungen, ausgesprochen engagierten Deutsch- und Musiklehrer. Herr Dedemeyer hieß er. Wir waren acht Jungen, acht Mädchen in dieser Klasse – in so einem kleinen Kreis konnte sich jeder entfalten. Überhaupt hatte ich Glück, zu einem der ersten Mädchenjahrgänge im Remigianum in Borken, Westfalen, zu gehören. Zuvor mussten Mädchen, die Abitur machen wollten, 20 Kilometer weit nach Bocholt fahren. Vielleicht hätten meine Eltern dann gar nicht zugestimmt, obwohl ich eine sehr gute Schülerin war. Mit dem Abitur verbinde ich nicht so sehr meine individuellen Leistungen, sondern ein Gemeinschaftserlebnis: Das ging so weit, dass sich Monate vor dem Abitur bei mir zu Hause ein Französischkreis traf und dass ich während der Prüfungen munter abschreiben ließ! Einmal organisierte eine Mitschülerin einen Traktor mit Anhänger, und wir fuhren alle ins Grüne. Herr Dedemeyer kam auch mit. Auf einer Waldlichtung rezitierten wir aus Baal von Bert Brecht, und auch das hielten Kalle und Mao mit ihrer Super-8-Kamera fest. Kalle und Mao, ja, so waren die Spitznamen damals. Das Projekt F hat übrigens sogar einen Preis bei einem Wettbewerb gewonnen!

Jens Thasler, Architekt und Designer Abi 1979

Bis zur 10. Klasse ging ich, wie alle in der DDR, auf eine Polytechnische Oberschule. Leider durften dann aus jeder Klasse nur maximal vier Schüler auf die EOS, die Erweiterte Oberschule in Karl-Marx-Stadt, um dort reguläres Abitur zu machen. Mein Notenschnitt reichte dafür nicht ganz. Ich fand einen anderen Weg, den man heute duale Ausbildung nennen würde und der in der DDR "Lehre als Mechaniker für Datenverarbeitungs- und Büromaschinen mit Abiturabschluss" hieß: Zwei Wochen arbeitete ich praxisbezogen im VEB Ascota und im Kombinat Robotron, zwei Wochen hatten wir Schulunterricht in den Abiturfächern Mathe, Chemie, Physik, Englisch, Russisch, Deutsch und Staatsbürgerkunde.

Weil ich nach meinem Dienst in der Volksarmee Design in Halle an der Burg Giebichenstein studierte, kam mir meine Industrieerfahrung als Lehrling sehr zugute, denn die technische Seite hatte ich schon drauf. Nie vergessen werde ich, wo ich für meine Abiturprüfungen lernte: in einem Bus auf staubigen Straßen in Südungarn. Ich war Standardtänzer im Tanzkreis Orchidee und hatte mich mit meiner Partnerin alle Klassen hochgetanzt, sodass wir im Frühsommer vor dem Abi im sozialistischen Ausland tourten – dafür wurde ich sogar ein paar Wochen von der Schule freigestellt.