Man muss keine übertrieben hohe Meinung von der journalistischen Qualität etablierter Medien haben, um zu sehen, dass der Vorwurf der "Lügenpresse" auf einer ebenso naiven Unterstellung wie Hoffnung beruht. Die Unterstellung besteht in der Annahme, dass die Medien ihre (allzu positiven) Meinungen über Flüchtlinge entwickeln, indem sie (allzu unerfreuliche) Wahrheiten über Flüchtlinge unterdrücken. Die Hoffnung besteht darin, dass die Wahrheiten, wenn sie denn ausgesprochen würden, von selbst so etwas wie die umgekehrte Haltung zur Flüchtlingsfrage ergeben würden. Daher die verbreitete, inzwischen weit über die AfD hinaus erhobene Forderung, die Medien mögen doch endlich die Fakten rein präsentieren und von dem entstellenden Schleier der Meinung befreien.

Einen energischen Schritt in dieser Richtung versucht jetzt die österreichische Recherche-Website addendum.org zu gehen, finanziert von dem Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz mithilfe einer Stiftung, die den etwas kuriosen Namen trägt Quo Vadis Veritas – "Wohin gehst du, Wahrheit?". Man kann die Marschrichtung der gewünschten Wahrheit recht gut an den ersten Schwerpunktthemen ablesen, die in den drei Wochen seit Start der Seite entfaltet wurden. Sie lauten: "Asyl. Ein Konzept von gestern?" und "Müssen wir mit dem Terrorismus leben?".

In der journalistischen Selbstbeschreibung wird als Ziel der Recherchen genannt, "einen Beitrag zur Wiederherstellung einer gemeinsamen Faktenbasis für eine qualifizierte politische Debatte zu leisten". So sei auch der Name der Website zu verstehen: "Addendum: Das, was fehlt". Man wird indes kaum behaupten können, dass die Sorge, mit dem Terrorismus leben zu müssen, bisher gefehlt hätte, ebenso wenig wie die verstohlene Hoffnung, das Asyl möge ein Konzept von gestern sein. Es ist auch nicht so, dass die jeweils im Folgenden referierten Fakten unerhört, überraschend oder bisher unterdrückt worden wären. Schon gar nicht sind sie durch eine neuartig neutrale Art der Darbietung fraglos für eine "gemeinsame Basis" geeignet, auf die sich etwa alle politischen Lager einigen können müssten. Vielmehr bieten sie, wie journalistische Texte seit je, eine Beschreibung mit eindeutiger Tendenz des Erkenntnisinteresses. "Seit der großen Flüchtlingsbewegung von 2015 ist allen Beteiligten klar, dass das europäische Asylwesen dysfunktional ist" – gewiss kein falscher Satz, aber doch keine bloße Tatsachenbehauptung, sondern eine Deutung, mithin eine Meinung.

Daran ist auch nichts zu kritisieren; die Welt entzöge sich jeder Beschreibung, wenn auf alle deutende Einordnung und alle Hinweise auf den Punkt des Interesses verzichtet würde. Zu kritisieren ist aber die illusionäre Anmaßung, man könne so etwas wie eine standpunktlose, überparteiliche Wirklichkeitsdarstellung überhaupt leisten. In früheren Zeiten (ungefähr vor fünfzig Jahren) wurde der seriöse Journalismus gerne für seine scheinhafte Trennung von Nachricht und Kommentar gerügt, man nannte das "bürgerlichen Objektivismus". Der Verdacht bestand, dass die Behauptung von objektiven Sachverhalten nur dazu diene, den gleichwohl enthaltenen bürgerlichen Klassenstandpunkt zu verschleiern. Der traurige Irrsinn von heute besteht darin, dass die Illusion einer objektiven Berichterstattung nunmehr benutzt wird, um die Reste bürgerlicher Presse zu denunzieren – in letzter Konsequenz die bürgerliche Öffentlichkeit von rechts zu zersetzen.