Als die Deutschen vor drei Wochen einen neuen Bundestag wählen, schützt Max Otte die Demokratie. Mit zwei anderen Bürgern, so erzählt er das heute, spaziert er in seiner Heimat im Kölner Stadtteil Sülz zum Wahllokal und achtet darauf, dass die Stimmen für die AfD bei der Auszählung nicht heimlich auf die Seite geschafft werden. Da standen sie, ein erfolgreicher Ingenieur, ein angesehener Steuerberater und Max Otte, der Börsenguru und Crash-Prophet, weil "man ja doch Angst hatte vor Wahlmanipulation".

Max Otte hat den Ausbruch der Weltfinanzkrise vorhergesagt, er war Gast in zahllosen Talkshows, und er ist selbst unter die Finanzprofis gegangen: Man kann sich an Investmentfonds beteiligen, die von ihm verwaltet werden. Was bringt einen wie ihn dazu, einen Sonntag im Wahllokal zu verbringen, obwohl es bei der Wahl nach Aussagen des Bundeswahlleiters zu keinen Auffälligkeiten gekommen ist?

Die Bedeutung dieser Frage reicht weit über Max Otte hinaus. In der vergangenen Woche hat eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben, dass die AfD nicht nur bei den Benachteiligten, sondern zunehmend auch im bürgerlichen Lager punkten kann. Bei Unternehmern, Anwälten, Professoren. Leuten wie Otte eben.

Der setzt sich an einem Freitag im September in seinen schwarzen Mercedes und fährt nach Süden, immer weiter, bis die Ausläufer der Stadt vorbeigezogen sind und die sanft geschwungenen Hügel der Eifel ihn umgeben. Eine knappe Autostunde von Köln entfernt hat Otte sich in einer ehemaligen Pension sein Rückzugsgebiet eingerichtet. Mit Kräutergarten, Obstbäumen und einer großen Bibliothek.

Otte hat an der Elite-Uni Princeton beim späteren US-Notenbankchef studiert

An den Wänden hängen großformatige Ölgemälde, in den Regalen stehen mehrbändige Ausgaben der Schriften von Platon, Thukydides, Nietzsche, eine Encyclopædia Britannica, Standardwerke der Nationalökonomie, aber auch ein paar Bücher aus dem Programm des umstrittenen Kopp-Verlags (Die Asylindustrie, Kontrollverlust). Das Unternehmen mit Sitz in Rottenburg am Neckar sieht sich als Forum für "unterdrückte Informationen", gilt aber auch als Anlaufstelle für Verschwörungstheoretiker.

Wenn es ihm in Köln zu bunt wird, setzt sich Otte in einen der roten Ledersessel, schaut aus dem Fenster und überlegt sich, welche Aktie für ihn die richtige ist – beziehungsweise welche Partei. Denn hier in seiner Bibliothek hat er auch jene Twitter-Mitteilung formuliert, die wenige Tage vor der Wahl für große Aufregung sorgte. Otte schrieb, dass Angela Merkel "nicht wählbar" sei. Deshalb werde er für die AfD stimmen. Die Reaktionen hat er dokumentiert. Sie reichen von Begeisterung ("Mutiges Bekenntnis") bis zu Verachtung ("Mit Leuten, die eine rassistische Partei wählen, will ich nichts zu tun haben. Meine Anteile habe ich verkauft").

Er habe eben schon immer "sein Ding" durchgezogen, sagt Otte. Das fängt bei seinem Namen an. Max Otte heißt eigentlich Matthias Otte. Max ist der Name seines Vaters, Otte nimmt ihn an, als dieser früh verstirbt. Er wächst im Sauerland auf, studiert zunächst in Köln und geht dann in die USA an die Elite-Universität Princeton. Der Leiter seines Doktorandenprogramms ist Ben Bernanke, der spätere Chef der amerikanischen Notenbank.

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Mit der Ökonomie als akademischer Disziplin kann Otte jedoch nicht sehr viel anfangen, auch nicht mit den Ökonomen, die sie praktizieren. Sie verlassen sich seiner Meinung nach zu sehr auf mathematische Modelle, die der Realität nicht gerecht würden und blind seien für historische Zusammenhänge. Als er 2006 den Zusammenbruch voraussagt, gilt er manchen als Prophet. Unter seinen Kollegen aber gilt Otte als Außenseiter, dem man vorwirft, mit seinem Krisenbuch bloß einen Zufallstreffer gelandet zu haben.

Ottes Karriere als Krisendeuter hat das nicht geschadet. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der das Ansehen der Ökonomen auf einem Tiefpunkt ist, weil sie den Crash eben nicht haben kommen sehen, gilt er als glaubwürdig – zumal Otte seine Botschaften in einer Sprache formuliert, die jeder verstehen kann. "Angela Merkel ist die schlechteste Kanzlerin der Nachkriegszeit" ist so ein typischer Otte-Satz. Man merkt ihm an, dass er ihn gerne sagt.