Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Dieser Tage herrscht wieder einmal großes Chaos. Inmitten dieses Stimmenwirrwarrs weiß man nicht mehr: Beschimpft da jetzt einer den anderen im eigenen Namen, oder lässt man schimpfen? Oder beschimpft man sich selbst, um glauben zu machen, wer anderer schimpft, und stellt ihn so ins schimpfliche Eck? Oder schimpft man sich gegenseitig und bezahlt sich auch noch dafür? Raffiniert wäre, gar nicht zu schimpfen, das würde erst richtig auffallen und kaum etwas kosten. Tidy campaigning sozusagen. Vielleicht ist das aber zu langweilig, und es findet sich niemand, der solch trügerischer Ruhe vertraute oder dem Verzicht auf grobe Töne Glauben schenkte. Gerade im Verschweigen der Injurie liege die Infamie. Es ist doch eine ausgesprochene Verschlagenheit, kein schmähendes Sterbenswörtchen auszusprechen und den Kopf voller giftiger Gedanken zu haben. Das ist Täuschung, der Wähler wird an der Nase herumgeführt, und die Demokratie wird durch diesen importierten silent campaigning -Stil ad absurdum geführt. Eigentlich müsste diese Unsitte ehebaldigst vom Gesetzgeber verboten werden. Da aber jeder Wahlkampf skurrile Nebengeräusche und -verdienste produziert, besteht eine Chance zur Erhellung. Da sind zunächst Politologen, die erklären, was man sieht und hört und was sie sich selbst nicht erklären können. Dann gibt es Meinungsforscher mit der Treffsicherheit von Amateur-Meteorologen, die darauf hinweisen, dass eben das gesellschaftliche Meinungsklima vielschichtiger geworden ist und alle Prognosen viel komplizierter geworden sind. Aber es gibt auch ausgeprägte Profis, die anhand der Körpersprache der politischen Elite alle Rätsel lösen. So liest man, dass die Gestik des jungen Herausforderers, der mit kreisenden Handbewegungen oft zum Boden deutet, Vernunft ausdrücke. Das ist der Grund, warum er ein derart starkes Gefühl der Sicherheit vermittle. Der Kanzler hingegen zeige uns den typischen Habitus des Alphatieres, weil er kerzengerade aufrecht steht. Da dürfte der Slimfit-Pelz offenbar eine doch nicht so große Rolle spielen wie früher angenommen. Die Aufgeregtheit des freiheitlichen Rivalen hingegen wirke instabil, auch durch seine ruckartigen Bewegungen. So wird’s nichts mit der Kanzlerschaft, klarer Fall. Es spielt auch mit, dass sein ständiges Haar-in-der-Suppe-Finden nicht mithalten kann mit den zusammengezogenen Augenbrauen des Außenministers, der sich zu Größerem berufen glaubt. Denn dies zeige, dass er "gerne anders würde, aber es nicht anders kann". Das stimmt vermutlich sogar. Immerhin weiß man jetzt: Die Zukunft beschert einen aufrechtsehenden, einen handkreisenden oder einen ruckartigen Alphakanzler. Schön.