Die Autorin Angie Thomas, 30, aus Jackson, Mississippi © Anissa Photography

Wenn Angie Thomas als kleines Mädchen die Schießereien vor ihrem Kinderzimmerfenster ausblenden wollte, flüchtete sie sich in Bücher. Sie durchstreifte mit Harry Potter das Zauberer-Internat Hogwarts und erträumte sich eine Welt, die friedlicher war als die, in der sie aufwuchs. Wörter, das verstand sie schon als Kind, können dich schützen. Als Angie Thomas 14 Jahre alt war, wurde vor ihrem Haus noch immer geschossen, und sie hörte Hip-Hop. Rapper wie Tupac erzählten in ihren Songs von dem, was auch vor Angies Haus geschah – von Gangs, Kriminalität und Drogen, von Gewalt und Rassismus. Sie taten es auf rohe, ungefilterte und ehrliche Art. Angie Thomas verstand, dass Wörter nicht nur Schutz, sondern auch Waffen sein können.

Heute ist Angie Thomas 30 Jahre alt und kämpft so meisterhaft für ihre Sache, dass sie durch Amerika tourt und ins Ausland eingeladen wird. Nicht die Musik hat sie berühmt gemacht, auch wenn sie sich als Teenager ein paar Jahre lang als Rapperin versuchte. "Mir war ziemlich schnell klar, dass die Länge eines Songs nicht ausreicht für das, was ich zu sagen habe", erzählt sie bei einer Lesung vor rund 200 Jugendlichen in Hamburg. Zum Beweis hält sie ihren Debütroman hoch, mehr als 500 Seiten dick.

The Hate U Give – ein Titel, der auf ihren Lieblingsrapper Tupac zurückgeht – ist der Überraschungserfolg dieses Jahres. Ein Roman über die Gewalt weißer Polizisten gegen schwarze Jugendliche, der in den USA auf Platz eins der New York Times-Bestsellerliste einstieg und sich dort monatelang hielt. Inzwischen ist Angie Thomas mit ihrem Erstling für den National Book Award, den größten US-Literaturpreis, nominiert. Der Film zum Roman wird bereits gedreht. "Glauben Sie dem Hype", schrieb eine US-Kritikerin, "dieses Buch ist wirklich so gut!"

Angie Thomas erzählt die Geschichte der 16-jährigen Schwarzen Starr, deren bester Freund Khalil von einem weißen Polizisten erschossen wird. Starr und Khalil waren von einer Party geflüchtet, als dort Schüsse fielen, nur um anschließend in eine Verkehrskontrolle zu geraten, die völlig außer Kontrolle gerät. Nachdem der Polizist den unbewaffneten Khalil grundlos niedergeschossen hat, richtet er die Waffe auf Starr, bis weitere Streifenwagen eintreffen. Für Khalil kommt jede Hilfe zu spät.

Es ist schwer, diesen Roman zu lesen, ohne gemeinsam mit Starr abwechselnd wütend zu werden und zu verzweifeln, sich ohnmächtig und ausgeliefert zu fühlen und zutiefst verängstigt. "Ich habe mich als schwarze Frau in den USA mein ganzes Leben lang so gefühlt", sagt Angie Thomas im Interview, "ich glaube, es ist mehr als okay, wenn jemand beim Lesen mal für ein paar Tage solch ein Unbehagen kennenlernt." Vor allem hoffe sie, dass die Leser sich an dieses Gefühl erinnern, wenn sie das nächste Mal ein schwarzes Mädchen auf der Straße treffen. Sie habe kein Buch schreiben wollen, mit dem man es sich auf dem Sofa bequem machen kann. "Ich will, dass die Leute sehen, was da draußen los ist." Deshalb gibt es in ihrem Roman auch keine Gerechtigkeit für Khalil. Der weiße Polizist kommt ungestraft davon, obwohl Starr vor Gericht gegen ihn aussagt.

Angie Thomas erzählt von einer Welt, mit der viele ihrer Leser kaum je in Berührung kommen. Sie nimmt uns mit in eine schwarze neighborhood, wo Gangs das Sagen haben, wo Drogen und Gewalt den Alltag bestimmen. Wo ein Jugendlicher eher im Knast landet, als die Schule abzuschließen. Wo Kinder, die im Sommer unter einem defekten Hydranten im Wasser spielen, aus einem vorbeifahrenden Auto heraus erschossen werden. "Solche Viertel findest du überall im Land", sagt Angie Thomas. In einem davon wuchs sie selbst auf – in einem Vorort von Jackson, Mississippi. "Wenn sich mal ein Weißer zu uns in die Straße verirrte", erzählt Thomas, "war der auf Drogen." Sie sei selbst nie in einer Gang gewesen, da habe sie für den Roman viel recherchieren müssen, doch wie es ist, in einem armen Viertel mit schlechten Schulen und ohne Zukunftsperspektiven groß zu werden, das wisse sie genau. Und auch, dass man als schwarzer Teenager früh lernen sollte, sich an zusätzliche Regeln zu halten.

Im Roman erinnert sich Starr daran, dass ihre Eltern sie als Zwölfjährige über zwei Dinge aufklären: wie das mit dem Sex ist und was sie tun soll, wenn sie von den "Cops" angehalten wird. Oberste Regel: Alles tun, was sie sagen. Außerdem: Hände hochhalten, keine plötzlichen Bewegungen machen, nur reden, wenn man gefragt wird. "Für schwarze Kids ist so ein Gespräch ganz normal", sagt Angie Thomas. Ein Cousin, selbst Polizist, erklärte ihr damals, wie sie sich gegenüber seinen weißen Kollegen verhalten solle. Und noch eine andere persönliche Erfahrung hat Thomas ihrer Hauptfigur geliehen: wie es ist, in zwei Welten zu leben. "Ich habe wie Starr eine Schule besucht, in der fast nur weiße Kinder waren. Sie lebten in Häusern mit zwei Stockwerken und Hausmädchen. Es war nur ein Autofahrt von zehn Minuten dorthin, aber eine andere Welt – und ein Kulturschock für mich."